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Regierungskrise:Bruderkampf bei Italiens Sozialdemokraten

Regierungskrise in Italien

Zingaretti hat noch nie gegen die Rechte verloren, weder bei Provinz- noch bei Regionalwahlen.

(Foto: dpa)

Nicola Zingaretti traut sich zu, seine Partei erfolgreich in ein Bündnis mit den Fünf Sternen zu führen. Doch im Hintergrund zieht noch immer Vorgänger Matteo Renzi die Fäden.

Nicola Zingaretti erzählte neulich, die Politik habe ihn so überraschend erfasst "wie eine große Welle an der Strandlinie". Plötzlich sei er "klatschnass" gewesen. Das ist mehr als dreißig Jahre her. Nun verhandelt "Zinga", wie die italienischen Sozialdemokraten ihren Sekretär nennen, mit der Partei Cinque Stelle über eine neue Regierung für das Land. Es ist sicher die komplizierteste Aufgabe, die ihm in seiner Karriere bisher zufiel.

Doch wenn man einem zutraut, dass er es schaffen könnte, alte Animositäten abzubauen, Vertrauen zu schaffen und programmatische Schnittflächen zu finden mit den Populisten, ja, dann diesem 54-jährigen Römer, Gouverneur der Region Latium. Er trägt die Gutmütigkeit wie ein Manifest im Gesicht. Dieses immerwährende Lachen, es ist ein politischer Trumpf, es macht ihn populär. Und er hat einen prominenten Namen: Sein älterer Bruder, Schauspieler Luca Zingaretti, gibt seit vielen Jahren den gefeierten und geliebten Fernsehkommissar Salvo Montalbano aus der gleichnamigen Serie. "Zinga" lief lange unter "Montalbanos kleiner Bruder".

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Den Partito Democratico übernahm Nicola Zingaretti erst im vergangenen März, nachdem er dessen Primärwahlen sehr deutlich mit 66 Prozent gewonnen hatte. In seiner Rede rief er dazu auf, "die Salvinisierung des Landes" zu stoppen. Jetzt kann er viel früher als erwartet dazu beitragen.

Sein Vorgänger Matteo Renzi, der ehemalige Premier, war bei den Urwahlen nicht mehr angetreten. Das heißt aber nicht, dass er den Nachfolger einfach walten ließe. Renzi zieht im Hintergrund noch immer die Fäden. Das zeigt sich auch in dieser Regierungskrise. Renzi war es, der die Partei zu Verhandlungen mit den Cinque Stelle drängte, und das war ein Überraschungscoup: Davor hatte er die Sterne mit Schimpf überzogen.

Ein fataler Hang zum Bruderkampf

Zingaretti lenkte ein, obschon er zunächst für schnelle Neuwahlen plädiert hatte. Offenbar traute er sich zu, seine Partei trotz dürftiger Umfragewerte zum Sieg zu führen. Es ist dies ein alter Reflex bei Zingaretti, schließlich hat er selbst noch nie gegen die Rechte verloren, weder bei Provinz- noch bei Regionalwahlen. Vor Zingaretti war es auch noch keinem Gouverneur von Latium je gelungen, ein zweites Mandat zu gewinnen. Er regiert die Region nun mit der gütigen Hilfe der Fünf Sterne, die ihm im Notfall immer zu einer Mehrheit verhelfen. Auch das ist ein Unikum. Die regionale Erfahrung, so sollte man meinen, prädestiniert ihn jetzt fürs Schmieden einer nationalen Allianz.

Aber eben, da gibt es diese Rivalität mit Renzi. Italiens Sozialdemokraten haben einen fast fatalen Hang zum Bruderkampf, und die beiden könnten kaum unterschiedlicher sein. Der scheue, nicht sehr charismatische Nicola Zingaretti, Sohn eines Bankdirektors, wurde in der postkommunistischen Jugendorganisation "Sinistra giovanile" groß, während der exponierfreudige, rhetorisch brillante Florentiner Renzi zunächst als Christdemokrat heranwuchs. "Zinga" steht für den linken Flügel der Partei, Renzi für den sozialliberalen.

Wichtiger noch als Ideologie sind nun aber Zahlen. Im sitzenden Parlament sind die meisten Sozialdemokraten "Renzianer". Wenn Renzi also will, kann er eine allfällige Koalition mit den Cinque Stelle jederzeit beenden, er muss nur seine Leute zurückziehen. Um möglichst freie Hand zu behalten, möchte Renzi auch nicht Minister einer gelb-roten Regierung werden. Die Sterne hatten sein Draußenbleiben ohnehin ausdrücklich gefordert. Zingaretti ist ihnen viel lieber.

Der Parteichef hat einen Spitznamen, den er selbst wohl nicht so toll findet: "Er saponetta" ist römisch für "Herr Seifenstück". Der Sinn: Gerade wenn man meine, Zingaretti fassen zu können, glitsche er einem aus der Hand. So aber kam er ziemlich weit, bis an die Strandlinie der Macht.

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