Italien:Renzi braucht Hilfe - von Europa

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Italiens Premier Matteo Renzi

Matteo Renzi bei einem Besuch in Tokio Anfang des Monats: Italiens Premier hat sein Land stabilisiert, doch die Lage bleibt prekär.

(Foto: Yoshikazu Tsuno/AFP)

Matteo Renzi hat es geschafft, sein Land aus dem Schussfeld der Finanzkrise zu führen. Aber die Lage bleibt prekär. Wenn der Premier stürzt, fällt Italien in schlechte Hände.

Kommentar von Stefan Ulrich

Wer den Optimismus des Südens kennenlernen will, der kann auf den Vesuv steigen. Von oben ist gut zu sehen, wie nahe viele Siedlungen dem Vulkan kommen, dessen Ausbrüche in der Geschichte so viele Opfer gefordert haben. Selbst staatliche Prämien bringen die Menschen nicht dazu, ihre gefährdeten Häuser zu verlassen. Der Boden ist fruchtbar, Wein und Obst gedeihen. Die Menschen hoffen, dass der feuerspeiende Berg noch lange Siesta hält.

Um den Optimismus des Südens zu erleben, kann man auch dem italienischen Premier Matteo Renzi zuhören. Gerade hat er den Abgeordneten in Rom einen Brief zum Beginn der Sommerferien geschrieben. Alle Welt habe gelästert, es sei unmöglich, Italien auf die Beine zu bringen. "Wir demonstrieren, dass das nicht stimmt." Italien sei nicht länger das Problem Europas, sondern eine Lösung für Europas Probleme. Die Wende sei da.

Zahlreiche Reformen in verblüffend kurzer Zeit

Die Stärke des Mannes aus der Toskana ist der jugendliche Elan, mit dem er seine Landsleute aus Lethargie und Selbstmitleid zu reißen versucht. Renzi krempelt, gern auch buchstäblich, die Ärmel hoch und packt Dinge an, über die seine Vorgänger nur redeten. Der Premier und sein sozialdemokratischer Partito Democratico machten sich in verblüffend kurzer Zeit an zahlreiche Reformen: Parlament und Wahlrecht, Arbeitsmarkt, öffentliche Verwaltung, Schulen, Steuersystem. Anstatt, wie so viele italienische Politiker, seine Kraft mit Cliquenbildung und Palastintrigen zu vergeuden, setzt Renzi seine Agenda mit einer Wucht durch, die ein Barack Obama erst gegen Ende seiner Amtszeit entwickelt hat.

Renzis Lohn: Italien hat sich aus dem Schussfeld der Krise gerettet. Die Finanzmärkte spekulieren nicht mehr gegen das Land. Die Zinslast für Staatskredite ist erträglich. Nach Jahren der Rezession setzt ein leichtes Wachstum ein. Die Bundesregierung in Berlin und die EU-Kommission in Brüssel stellen Italien nicht mehr als Sorgenkind dar. Alle Welt blickt angstvoll nach Athen. Dagegen scheint, dank Renzi, jetzt Ruhe in Rom zu herrschen - von den innerstädtischen Skandalen um Müll und Misswirtschaft einmal abgesehen.

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