bedeckt München

Italien:Hinein in die Krise - ohne Exitstrategie

Italien: Premierminister Giuseppe Conte in Rom während der Corona-Pandemie

Der Showdown mit dem unzufriedenen Koalitionspartner ist in vollem Gange, Italiens Premierminister Giuseppe Conte muss um seine Regierung fürchten.

(Foto: Remo Casilli/REUTERS)

Italiens Ex-Premier Renzi stürzt die Regierung in eine schwere Krise, ohne komplett mit ihr zu brechen. In Rom wundern sich viele über die Konfrontation mit Premier Conte, die zur Unzeit kommt.

Von Oliver Meiler, Rom

Matteo Renzi setzt ein Zeichen, bricht aber nicht total mit der Regierung. Italiens ehemaliger Premier hat am Mittwochabend bekannt gegeben, dass die zwei Ministerinnen seiner Partei Italia Viva, Teresa Bellanova und Elena Bonetti, sich aus dem Kabinett zurückziehen. "Als Geste der Courage", sagte Renzi.

Besser hätte wohl der Begriff Opfer gepasst, eines, das sich allerdings noch rückgängig machen lässt - je nach Entwicklung in den kommenden Tagen. Rein formal eröffnete Renzi damit nach wochenlangem Gezänk eine Regierungskrise, mitten in der zweiten Welle der Pandemie, ohne dass klar wäre, wie man daraus wieder herausfinden könnte.

Die Abgeordneten von Italia Viva sind für Conte zentral

Die 18 Senatoren und 30 Abgeordneten von Italia Viva sind zentral für das politische Überleben von Giuseppe Conte, dem amtierenden Regierungschef, und seinem Bündnis aus Cinque Stelle und den Sozialdemokraten vom Partito Democratico. Ohne "Renziani" hat Conte keine Mehrheit mehr im Parlament.

Das seien "schwierige Momente", sagte Renzi bei seinem Auftritt vor den Medien, er fühle aber eine innere Verantwortung, dieser "Realityshow mit Tweets und Posts und Liveschaltungen" ein Ende zu bereiten.

Renzi öffnet aber auch die Tür für Verhandlungen

Er meinte damit die Art und Weise, wie Conte seit einigen Monaten regiert. Die Demokratie kenne Liturgien, die müsse man respektieren - "auch während einer Pandemie". Dennoch: Renzi öffnet die Türe für eine Verlängerung der Verhandlungen.

Sogar für einen festen Pakt für den Rest der Legislaturperiode, also bis 2023, könnte er sich gewinnen lassen, so es denn eine Verständigung gebe zu einer neuen, inklusiveren Regierungsmethodik und zum großen Wiederaufbauplan.

Gemeinsam auf das trübe Finale zugerast

Nun, viele Italiener regen sich auf über diese Wirren im Palazzo. Laut Umfragen versteht jeder zweite Italiener nicht, warum ausgerechnet in dieser Phase gestritten wird, und sie strafen dafür Renzi stärker ab als Conte. Der Florentiner hatte den Konflikt ja auch begonnen, Anfang Dezember schon, und da keiner der Duellanten nachgeben wollte, raste man gemeinsam auf dieses trübe Finale zu.

Selbst wenn sich das Zerwürfnis noch reparieren ließe, was nach allen Vorkommnissen schwierig erscheint, wäre es ein Wunder, wenn die beiden jemals einigermaßen harmonisch miteinander regieren könnten - so, wie das nötig wäre.

Renzi findet: Conte ist für diesen Job nicht gemacht

Renzi wirft Conte vor, er habe keine Vision für die Zukunft des Landes, für den Einsatz der mehr als 200 Milliarden Euro aus dem Recovery Fund der Europäischen Union, er sei nicht gemacht für diesen Job. Darin schwingt natürlich mit, dass er, Renzi, das viel besser könnte.

Er nennt ihn auch ständig "Professore" und nicht "Presidente" (Anm. d. Red.: den italienischen Regierungschef nennt man "Präsidenten des Ministerrats"), was zwar nicht falsch ist: Anwalt Conte war vor seinem überraschenden Wechsel in die Politik im Sommer 2018 Rechtsprofessor.

Der Professor soll zurück an die Uni, findet sein Widersacher

Doch wenn Renzi "Professore" sagt, meint er: Conte kann ja wieder zurück an die Uni und dozieren. Von Conte wiederum hört man, er halte Renzi für politisch erledigt: "Wir wissen doch alle, dass er außerhalb des Parlaments nichts mehr zählt", soll Conte neulich zu Alliierten gesagt haben, rapportiert der Corriere della Sera. In den Umfragen zur Gunst im Volk steht Conte bei etwa 55 Prozent, Renzi bei zehn Prozent. Italia Vivas Wahlaussichten werden auf drei Prozent geschätzt.

Diese Gemengelage sollte Renzi eigentlich davon abhalten, allzu hoch zu pokern. Aber tut er das wirklich? Vorgezogene Neuwahlen, wie sie nötig würden, wenn sich überhaupt keine neue Mehrheit im Parlament finden ließe, sind höchst unwahrscheinlich. Wahlen im März, lange bevor die Bevölkerung geimpft ist? Unvorstellbar.

Wie könnte eine neue Regierung aussehen?

Und so fragt sich, wie eine neue Regierung aussehen könnte. Szenarien gibt es viele. Conte träumte davon, dass er die 18 Stimmen von Italia Viva im Senat mit mindestens ebenso vielen "Costruttori" oder "Responsabili" ersetzen könnte, von "Erbauern" oder "Verantwortungsvollen" aus der Opposition - mit Überläufern also, böse Zungen nennen sie Wendehälse. Das ist nicht hübsch, kommt aber immer wieder vor in der italienischen Politik.

Doch offenbar konnte Conte nicht genügend Helfer finden. Renzis Wunschszenario würde so gehen: Conte wird durch einen anderen Premier ersetzt, das Bündnis aber bleibt das alte, mit Italia Viva. Doch dass die Cinque Stelle, die Conte für einen der Ihren halten, dazu einwilligen, ist schon sehr fraglich.

Einer der möglichen Kandidaten ist Mario Draghi

Mehr Aussicht hätte in diesem Fall ein sogenanntes technisches Kabinett mit einer prominenten und parteilosen Figur an der Spitze, das für eine beschränkte Zeit im Amt wäre und von einer breiten Mehrheit getragen würde - für die Bewältigung der Krise und für die Definition des Wiederaufbauplans.

Für diesen Fall werden immer wieder dieselben drei Namen gehandelt: Mario Draghi, früher Präsident der Europäischen Zentralbank, Carlo Cottarelli, Ökonom, und Marta Cartabia, die ehemalige Präsidentin des Verfassungsgerichts. Aber das sind erst Gedankenspiele, der Showdown läuft noch etwas weiter.

© SZ/cat
Zur SZ-Startseite
Das ABC zum Krisenjahr 2020

SZ PlusVom Kapitol zum Reichstag
:"Das war wie ein starker Koksrausch"

Die Stürmung des Parlaments in Washington ging von selbst ernannten Patrioten aus. Wie kommt das bei Ultrarechten in Deutschland an? Rechtsextremismus-Experte David Begrich über Umsturz-Fantasien und die Macht der Bilder.

Interview von Alex Rühle

Lesen Sie mehr zum Thema