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Neue Regierung:Super Mario soll Italien aus der Krise führen

Mario Draghi

Überpünktlich und hoch motiviert: Mario Draghi erhielt von Staatspräsident Sergio Mattarella den Regierungsauftrag.

(Foto: ALESSANDRA TARANTINO/AFP)

Ex-EZB-Chef Mario Draghi wird in Italien als neuer Premier mit einem Expertenkabinett regieren. Der 73-Jährige gilt in seinem Land als Legende - spätestens, seit er Merkel während der Finanzkrise die Stirn bot.

Von Oliver Meiler, Rom

Sechs Minuten zu früh ist Mario Draghi im Quirinalspalast erschienen, um genau 11.54 Uhr, und diese vermeintliche Nebensächlichkeit ist schon ein halbes Programm. Draghi gilt als obsessiv pünktlich. Wo er auch erwartet wird: Der 73-jährige Römer ist immer zu früh, was dann auch jedes Mal lobend hervorgehoben wird, so außergewöhnlich ist das. Zum Lobeskanon gehört auch, dass er im Zug immer zweite Klasse fahren soll. Fliegen? Offenbar nur Economy. Man sagt in Italien auch, Draghi sei "rigoros wie ein Deutscher und kreativ wie ein Italiener". Die ideale Kombination?

Der frühere Chef der Europäischen Zentralbank hat am Mittwoch von Staatspräsident Sergio Mattarella den Auftrag zur Bildung einer neuen Regierung erhalten. Draghi nahm ihn "mit Vorbehalt" an, einer üblichen Formalität. Zunächst will er sich versichern, dass seine Anstrengung auch Erfolg haben kann, und dafür wird er die Stimmung im Parlament sondieren. "Das ist ein schwieriger Moment", sagte Draghi. Er sei aber zuversichtlich, dass er im Parlament eine Einheit vorfinde, damit man zusammen die Herausforderungen angehen könne: die Überwindung der Seuche, die Vollendung der Impfkampagne, den Wiederaufbau.

"Wir erhalten von Europa außerordentliche Ressourcen - damit können wir viel erreichen für die jungen Generationen und für den sozialen Zusammenhalt", sagt er. Gemeint waren die 209 Milliarden Euro an Zuschüssen und Krediten, die es aus dem Recovery Fund der EU geben wird. Zwei Minuten dauerte seine Rede, dann war Draghi wieder weg. Wo er seine Zuversicht hernimmt, sagte er nicht: Einheit ist nämlich ein eher seltenes Phänomen im italienischen Parlament.

Sicher sind Draghi die Stimmen der Sozialdemokraten des Partito Democratico sowie jene von Italia Viva von Matteo Renzi, der diese jüngste Entwicklung mit seinem Bündnisbruch angestrebt hatte. Auch Silvio Berlusconis rechtsliberale Forza Italia scheint bereit zu sein, Draghi zu folgen. Am liebsten wäre Berlusconi eine große, lagerübergreifende Koalition der nationalen Rettung, wie man sie da und dort nennt. Doch ob da auch die rechtspopulistische Lega von Matteo Salvini und die postfaschistischen Fratelli d'Italia von Giorgia Meloni mitmachen, ist nicht klar.

Die Rechte hofft auf baldige Neuwahlen

Öffentlich fordern Salvini und Meloni den "Königsweg": Sie meinen damit vorgezogene Neuwahlen, möglichst bald. Doch da die allgemeine Stimmung im Land eher zu Draghi neigt, könnte schnell viel Bewegung ins rechte Lager kommen. Innerhalb der Lega, die in ihren norditalienischen Parteisektionen auch eine starke unternehmerische Komponente besitzt, ist Draghi populär.

Rätsel geben die Cinque Stelle auf. Seit ihrem Wahlsieg 2018 sind die Fünf Sterne in beiden Parlamentskammern von allen Parteien die stärkste. Sie hatten alles auf Giuseppe Conte gesetzt, auf eine Fortsetzung der Regierung des apulischen Anwalts, der ihnen nur nahesteht, aber nicht angehört. Nun stehen sie als Geschlagene da, mehr noch: Die geschrumpfte Bewegung droht auseinanderzubrechen. Beppe Grillo, Gründer und Garant der Cinque Stelle, will sich nicht hinter Draghi stellen. Viele in der systemkritischen Partei halten den Zentralbanker für einen "Apostel der Eliten", wie es einer ihrer Spitzenvertreter nannte. Es gibt aber auch Sterne, die Draghi mittragen möchten, für das Wohl des Landes - oder weil sie keine Lust auf Opposition haben. Conte selbst spielt mit dem Gedanken, seine Popularität zu nutzen und seine eigene Partei zu gründen.

Nun aber scheint zunächst alles Licht auf Draghi, auf "Super Mario". In Italien umweht ihn eine fast mystische Aura, als habe es in seiner Karriere keine Misserfolge gegeben. La Repubblica zieht das Bild des "Deus ex machina" heran, wie man im Theater sagt, wenn eine Gottheit von Maschinenhand auf die Bühne gehoben wird. So erscheint er den Italienern: als Legende, als Mythos. Draghi äußert sich öffentlich so selten, dass niemand wirklich weiß, wie er denkt.

Draghi gilt als Retter des Euro

Nur so viel ist bekannt: Mit 15 war Draghi Waise, er hatte beide Elternteile früh verloren. Das Gymnasium machte er bei den Jesuiten, überhaupt ist er ein streng gläubiger Katholik. Sein Doktorvater an der römischen Universität La Sapienza war Federico Caffè, ein berühmter, linker Ökonom, Keynesianer. Draghi studierte auch in den USA. Danach war er lange Generaldirektor im Schatzministerium und übersah dabei auch die große und nicht nur gelungene Privatisierungswelle staatlicher Unternehmen. Ab 2002 war er dann kurz Banker bei der Investmentbank Goldman Sachs, was ihn später beinahe den Job bei der EZB gekostet hätte. Draghi war auch Gouverneur der italienischen Zentralbank, in jene Phase fiel die missratene Rettungsaktion für die Bank Monte dei Paschi di Siena.

So richtig weltbekannt wurde Draghi 2012, mitten in der großen Finanz- und Wirtschaftskrise, und zwar mit einem einzigen Begriff: "Whatever it takes", sagte Draghi damals, werde man unternehmen, um den Euro vor den Spekulanten zu schützen. Was auch immer nötig sei: Er gilt als Retter des Euro. Nun, da er sich anschickt, italienischer Premier zu werden, wird allenthalben hervorgehoben, dass Draghi mit seiner Politik der offenen Geldschleusen auch der deutschen Bundesbank die Stirn geboten habe - und Angela Merkel. Und das versteht man in Rom als Trumpf.

Überhaupt erwartet man sich viel von seinem internationalen Prestige, in diesem Jahr hat Italien auch den Vorsitz der G 20 inne. Seit seinem Ausscheiden bei der EZB hat Draghi viele Angebote von Universitäten und aus der Privatwirtschaft erhalten. Angenommen hat er aber nur eines, von Papst Franziskus, einem Jesuiten: Er sitzt im Aufsichtsrat der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften.

© SZ
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