Italien rebelliert gegen Berlusconi:Die Leute sind die leeren Versprechungen leid

Im Hintergrund steht die globale Finanz- und Wirtschaftskrise, die den Glauben an die Kraft des Privaten gegenüber den verbürokratisierten öffentlichen Einrichtungen erschüttert hat. Der Markt, so spüren die Leute, kann nicht alles richten. Die Arroganz der Banken hat in den vergangenen zwölf Monaten reihenweise klein- und mittelständische Betriebe in die Knie gezwungen. Und jetzt sollte man den Banken auch noch das Trinkwasser ausliefern? Sicher waren Emotionen im Spiel, die von den Befürwortern der Referenden geschickt ausgenutzt wurden. Aber sie haben damit die traditionelle Politik auf einem Gebiet geschlagen, auf dem diese bislang - etwa durch das Schüren von Ängsten - selbst Meister war.

Es ist denn auch kein Zufall, dass der Gegenwind Berlusconi und den Seinen gerade in den produktiven Zonen Nord- und Mittelitaliens und in den städtischen Gebieten ins Gesicht bläst. Die jüngsten Kommunalwahlen haben gezeigt, dass es vor allem die teilweise verarmten bürgerlichen Mittelschichten sind, die sich zu Wort melden und dabei moderne Kommunikationsmittel wie das Internet nutzen. Die Unterschichten, die bislang vom Populismus der PDL Silvio Berlusconis und der Lega Nord Umberto Bossis besonders hofiert wurden, haben sich dagegen frustriert in Wahlenthaltung geübt. Die Leute sind offenbar die leeren Versprechungen leid und eines Ministerpräsidenten überdrüssig, der sich nur noch um seine Prozesse und seine Liebschaften kümmert.

Während der vergangenen Legislaturperioden war es ein Privileg der Linken, mit vielen Zungen zu reden, sich zu zanken, zu vereinen und wieder zu trennen. Inzwischen macht es ihnen die Rechte nach. Berlusconi streitet sich mit Fini, Minister beschimpfen sich untereinander, und sogar Umberto Bossi ist in den eigenen Reihen nicht mehr unumstritten. Man darf gespannt sein, welche Stimmung ihm am Sonntag in Pontida bei Bergamo entgegenschlägt, wo unter freiem Himmel das traditionelle Jahrestreffen der Parteibasis stattfindet.

Immerhin: Auch der Süden regt sich. In Sizilien gaben 52 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme bei den Referenden ab. In Sardinien, wo man sich bereits bei einer regionalen Volksbefragung gegen Atomkraft ausgesprochen hatte, waren es sogar 58 Prozent. Der Wind hat sich wirklich gedreht.

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