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Italien:Kinder dürfen in mehreren Ländern Asylanträge stellen

Besonders verstörend ist das Phänomen der zurückgewiesenen Minderjährigen ohne Begleitung. 2016 zählte das italienische Innenministerium unter den Zuwanderern, die Italien erreichten, 25 846 Kinder ohne Eltern. 2017 waren es 15 779. Manche sind sehr klein: Zehnjährige, Zwölfjährige, sogar von einem achtjährigen Eritreer berichteten italienische Medien. Der Kleine fiel auf, weil er versuchte, wie ein Erwachsener zu gehen, breitbeinig, die Hände an den Hüften.

Es gäbe genügend Gesetze und internationale Konventionen, die diese Kinder schützen, theoretisch wenigstens. An dieser Grenze aber gelten sie nicht. Auch Dublin ist hier nicht viel wert. Nach dem Dubliner Abkommen dürfen Kinder in mehreren Ländern Asylanträge stellen. Vorgesehen ist auch, dass sie zu ihren Verwandten dürfen, wenn sie welche in der EU haben. Und das haben viele. Trotzdem geraten sie ins Pingpong. Kürzlich gab es den Fall von Halim, einem eritreischen Kind, zwölf Jahre alt. "Er sah eher wie zehn aus", sagt Daniela Zitarosa. Er kam im Januar nach Ventimiglia, wurde in das Aufnahmezentrum an der Via Dante gebracht, das für Erwachsene gemacht ist. Es gibt da zehn Plätze für Minderjährige, die lokale Sektion des Roten Kreuzes kümmert sich um die Kleinen. Für das "Campo Roja", ein staatliches Zentrum am Stadtrand, war Halim zu klein. Wobei man sich fragen kann, wofür ein Mensch zu klein ist, nachdem er die Wüste und das Mittelmeer durchquert hat.

Halim wollte nach Deutschland weiterreisen, dort habe er Brüder, sagte er. Kaum war er in Ventimiglia, versuchte er es ein erstes Mal mit dem Zug nach Menton, die Franzosen schickten ihn zurück. Auf dem "Refus d' entrée" stand das wahre Alter Halims. Die Grenzpolizei wusste also, dass er minderjährig und unbedingt schutzbedürftig war. Zitarosa und ihre Kollegen reichten Berufung ein beim Verwaltungsgericht in Nizza. Sie erklärte dem Jungen, dass das Tribunal 48 Stunden Zeit habe, um ein Urteil zu fällen. Es war an einem Freitag. Halim sagte: "O.k., Samstag und Sonntag passiert nichts, es wird sicher Mittwoch". Er sei sehr schnell im Kopf.

Doch dann änderten die französischen Grenzbehörden ihre Taktik

Warten mochte er nicht, offenbar misstraute er der Prozedur. Je länger ein Verfahren dauere, desto ungeduldiger würden sie, sagt Zitarosa. Als das Urteil eintraf, war er schon weg. Wie, das weiß niemand.

Sein Fall wurde zum Präzedenzfall. Das Gericht gab Halim und seinen Verteidigern recht. Und aufgrund dieses Urteils, Nummer 1800195, ließen sich Dutzende ähnlicher Fälle lösen. Doch dann änderten die französischen Grenzbehörden ihre Taktik. "Sie sind sehr kreativ und schnell in diesen Sachen", sagt Zitarosa. Nun kommt es vor, dass die Polizei in Menton das Alter ändert und auf die Eintrittsverweigerung ein falsches Geburtsdatum notiert. "Ganz oft schreiben sie einfach 1. Januar 2000."

Ein Minderjähriger fotografierte sein "Refus d' entrée" mit seinem Handy und dazu den Ausweis des Roten Kreuzes, den er den Polizisten gezeigt hatte, darauf stand sein richtiges Geburtsdatum. Die Franzosen machten aus ihm kurzerhand einen Volljährigen, damit sie ihn leichter zurückweisen konnten. Manchmal, erzählt Zitarosa, wird den Kindern die SimKarte ihres Handys weggenommen, oder man schneidet ihnen Löcher in die Schuhsohlen, damit sie es nicht noch einmal versuchen. "In den meisten Fällen verweigert man ihnen auch das Recht auf einen Übersetzer oder einen Betreuer." Die Franzosen reden einfach auf Französisch auf sie ein und schicken sie dann zurück.

Aber irgendwie schaffen es dann doch viele. Trotz Blockade, Schikanen und Todesgefahren. Käme niemand durch, wäre Ventimiglia, ein Städtchen mit 27 000 Einwohnern, längst überlaufen. Doch es sind immer etwa gleich viele Migranten da, obschon aus dem Süden jeden Tag neue dazukommen. Sie fahren nicht zum Brenner, auch nicht nach Chiasso. Alle sagen, am Brenner und in Chiasso sei es noch viel schwieriger durchzukommen.

© SZ vom 07.07.2018/fie
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