Italien:Frauen auf die Sockel!

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Die größten Namen der Stadt allesamt männlich? Padua debattiert über die Statuen auf der Piazza.

Von Oliver Meiler, Rom

Im schönen Padua streiten sie gerade sehr animiert darüber, ob es nicht gut wäre, wenn auf dem Prato della Valle, der großen Piazza der Stadt, eingeweiht 1776, auch die Statue einer Frau stünde. Die 78 "Glorien des Veneto", wie man die Statuen nennt, die den Platz in zwei weiten Ringen säumen, sind nämlich allesamt Männer. Päpste, Wissenschaftler, Dichter. Durchnummeriert. Große Namen sind dabei: Galileo Galilei, Francesco Petrarca, Girolamo Savonarola, alle mit enger oder loser Verbindung zur Stadt. Poet Torquato Tasso steht auf Piedestal Nr. 5. Er kam in Sorrento zur Welt, studierte aber in Padua, so schaffte er es ins Pantheon. Es sind aber auch Namen dabei, die kaum jemand kennt. Nur Männer also, 78 von 78.

Zweieinhalb Jahrhunderte scheint das niemandem aufgefallen zu sein, oder wenigstens hat es niemanden gestört. Nun haben zwei linke Stadträte den Antrag gestellt, eine Frau hinzuzufügen. Platz gäbe es. Eigentlich stehen da 86 Sockel. Zwei sind leer, auf weiteren sechs haben sie Obelisken montiert. Früher standen da mal acht Dogen von Venedig. Die napoleonischen Truppen haben sie von den Sockeln gestoßen - eine symbolische Demontage der Serenissima, der Republik Venedigs. Cancel Culture, damals schon.

Die beiden Gemeinderäte haben eine genaue Vorstellung davon, wer da stehen müsste: Elena Lucrezia Cornaro Piscopia ist die erste Frau weltweit, die an einer Universität promoviert hat. In Philosophie, 1678, in Padua.

Nun könnte man denken, dass so eine Zugabe auf einem ohnehin unbemannten Piedestal die Gemüter kalt lässt: Niemand fordert den Kopf eines der ausgestellten Herren. Mehr Adding Culture als Cancel Culture. Doch die Polemik ist groß, Petitionen werden aufgelegt und herumgereicht, dafür und dagegen, beide kämpferisch. "Krieg der Statuen", titelt La Repubblica. Kritik gibt es am Vorhaben insgesamt, aber auch an der Wahl von Cornaro Piscopia, weil die schon auf dem Gelände der Universität mit einer Statue geehrt wird. Soll die jetzt verlegt werden?

"Man verschiebt Monumente nicht wie Legosteine", sagt Carlo Fumian, Professor für Gegenwartsgeschichte in Padua. "Das ist ein gefährliches Spiel, und wenig intelligent." Andere schlagen zeitgenössischere Frauen vor, sogar lebende, was einigermaßen kurios ist. Was die Machos denken, kann man ja mal ausblenden.

Die Herrschaft männlicher Statuen, Köpfe und Büsten in der italienischen Öffentlichkeit geht natürlich weit über Padua hinaus. Eine Vereinigung, die sich auch mit der Geschlechterfrage bei der Benennung von Straßen und Plätzen beschäftigt, hat gezählt: Von den Tausenden Statuen, verteilt übers ganze Land, zeigen nur 181 Frauen. Auf dem viel besuchten Hügel Pincio in Rom zum Beispiel sind von 229 Büsten nur drei von Frauen. Und unter den 228 "Patrioten" auf dem Gianicolo findet sich nur eine Patriotin. Fast die Hälfte der weiblichen Statuen sind namenlose Frauen, die Vertreterinnen generischer Kategorien: Partisaninnen etwa, Wäscherinnen, Gärtnerinnen. Keine Politikerinnen, Dichterinnen, Wissenschaftlerinnen. Es ist wohl Zeit für neue Legosteine.

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