Flüchtlinge in Italien:Das Letzte, was traumatisierten Menschen guttut

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Ein weiteres Problem war lange die Unterbringung, angefangen von der Erstaufnahme - zu wenige Plätze, teils miserable Zustände, Lampedusa etwa erlangte deshalb traurige Berühmtheit. Die Zahl der Aufnahmeplätze ist stark gestiegen. "2005 gab es offiziell 5000, jetzt sind es 120 000", berichtet Hein, "untergebracht sind dort etwa 140 000 Menschen", das UNHCR nennt für Ende August 147 722. "Das schafft zwar Stress für das System, und es gibt Missstände, aber im Großen und Ganzen geht es", so Hein, und: "Perfekt sind die Zustände in solchen Zentren nirgendwo, auch in Deutschland nicht."

Das EU-Verteilungsprogramm für Flüchtlinge hilft bisher nicht viel. Bis September 2017 sollten knapp 40 000 Flüchtlinge aus Italien in andere Länder verteilt sein, bis jetzt sind es gerade 1026 - 2,6 Prozent des Ziels.

Die Flüchtlinge, die über Libyen kommen, sind zum größten Teil Subsahara-Afrikaner, Nigerianer, Eritreer, Gambier, Sudanesen. Oft haben sie monate-, gar jahrelange Fluchten hinter sich und sind traumatisiert - nicht zuletzt von der Überfahrt über den Kanal von Sizilien.

Die Hotspots, wo sie eingeschlossen sind, seien eigentlich das Letzte, was traumatisierten Menschen guttue, sagt Hein, auch reichten die Kapazitäten nicht, für richtige psychologische Betreuung etwa für Frauen, die oft vergewaltigt wurden. Aber bei vielen sei es sehr schwierig, individuelle Gespräche zu führen, auch wenn die EU-Richtlinien das verlangen. Und 15 Prozent der Flüchtlinge in Italien sind unbegleitete Minderjährige, die besonders viel Betreuung brauchen.

Was zu nicht perfekten Zuständen beitrage, sei, dass ein Großteil der Flüchtlinge nach der Erstaufnahme in Unterkünfte umziehe, die irgendwie schnell umgewidmet wurden, ausgediente Kasernen, öffentliche Gebäude. Und damit ist man bei dem, was Experte Hein für das zentrale Problem hält: dass die Politik mit dem Flüchtlings- und Migrantenzustrom umgehe, als sei es ein vorübergehendes Phänomen. "Was kommt nach der Erstaufnahme, nach den Verfahren? Die Integration.

Da hat Italien strategisch noch nicht genug gemacht." Man sei zu sehr auf die Notlage konzentriert. Es gebe kein weitreichendes Programm, nur zeitlich wie finanziell begrenzte Projekte. Auch die vorgesehenen sechs Monate Sprachunterricht erhalte tatsächlich nur eine Minderheit. Die Regierung arbeite an einem Integrationsprogramm, aber unter der Prämisse, dass keine Zusatzkosten anfallen - "wie soll das gehen?"

Die meisten Asylanträge kommen von Nigerianern. Tendenz steigend

Auch müssten Flüchtlinge oft lange auf den Ausgang ihrer Verfahren warten, die auf Verwaltungsebene laufen, aber bei Einsprüchen auch über die Justiz - in Italien chronisch überlastet -, und dort seien Richter betraut, die nicht spezialisiert sind. Wegen der langen Verfahren blieben Neuankömmlinge zeitweise ohne Papiere, haben deshalb Probleme, Unterkunft und somit auch Arbeit zu bekommen. Und selbst wenn sie Zugang zum kostenlosen Gesundheitssystem haben, zu Schulen und Unis, "damit haben sie noch nichts gegessen", und Sozialleistungen sind generell gering in Italien.

So wichen viele in illegale Arbeit aus, mit teils extremer Ausbeutung etwa in der Landwirtschaft. Oder sie wandern ab in andere EU-Länder. Und natürlich ist das System belastet mit Migranten, die wegen ihrer Herkunftsländer wie in Deutschland wenig Aussicht auf Anerkennung haben: Mit großem Abstand und steigender Tendenz stellen Nigerianer, größte Gruppe der Flüchtlinge, die meisten Asylanträge: laut Innenministerium im August fast 2900 von knapp 11 500.

Der Justizminister will die Verfahren beschleunigen, Hein sagt, im Prinzip sei das gut, es komme aber darauf an, ob die Rechtsgarantien blieben, ob also ein faires Asylverfahren gewährleistet sei.

Fragt man Hein, wie es wohl weitergeht, sagt er, das hänge einerseits von der Türkei ab und andererseits von der Lage in Libyen, der großen Drehscheibe. Es gibt EU-Programme, die libysche Küstenwache aufzurüsten und auszubilden, aber der Staat ist extrem instabil, im Machtvakuum gedeiht das Recht des Stärkeren. Flüchtlinge sind da die Schwächsten.

Schleuser pressen ihnen das letzte Geld und mehr ab. Viele müssen dort arbeiten, um die letzte Etappe übers Mittelmeer zu bezahlen, das ermöglicht jede Art der Ausbeutung. Cir ist seit sieben Jahren in Libyen tätig, und Hein sagt, die Abschiebezentren "der grausamsten Art" dort seien wieder voll afrikanischer Flüchtlinge. Abertausende wurden zu Zeiten von Muammar al-Gaddafi dort festgehalten, nach der Revolution von 2011 waren sie leer. Jetzt gebe es auch von Milizen kontrollierte Camps, Willkür und Misshandlungen seien an der Tagesordnung.

Hein besorgt am meisten, dass ein langfristiges Konzept für die Flüchtlingssituation fehlt, "es herrscht ein Mangel an Politik, die in die Zukunft greift. Das ist es auch, was die Bürger beunruhigt".

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