Serie: "Wir sind Europa" Kampf mit ungleichen Mitteln

Giovanna Cavallo, 41, ist Aktivistin der Hilfsorganisation Baobab Experience. Sie ist zuständig für die juristische Unterstützung der Flüchtlinge.

(Foto: Oliver Meiler; Illustration: Jessy Asmus)

Italiens Innenminister drängt Zuwanderer in die Illegalität, doch die Organisation Baobab hält dagegen und hilft Migranten. Mit Essen, Kleidern und ungewöhnlichen Methoden.

Reportage von Oliver Meiler, Rom

Bahnhof Termini, Rom, 18.30 Uhr. Gerade hat es noch geregnet. Der Himmel zeigt grelles Sturmgelb. Und alle rennen, die, die ankommen, und die, die wegfahren. Termini ist der Durchlauferhitzer der Stadt, laut und schmutzig, in der Nacht ist es hier manchmal wirklich gefährlich. Termini ist auch die Mitte Italiens, die Transitstation zwischen Nord und Süd, zwischen Süd und Nord.

Unter dem Vordach an der Via Marsala stehen junge Männer aus Afrika, sie sind die Einzigen, die nicht rennen. Sie warten auf Giovanna Cavallo, und die ist spät dran. "Gib mir zwei Minuten", sagt sie am Telefon, "ich parke unseren Lieferwagen." Auf Twitter beschreibt sie sich mit einem einzigen Wort: "ribelle", Rebellin. Das Foto dazu: Tinker Bell, die blonde Fee aus dem Comicfilm "Peter Pan". Dann ist sie da, fester Händedruck, tiefe Stimme, gar nicht so Tinker Bell. "Trinken wir etwas?", fragt sie und bestellt ein Glas Rotwein. Gleich beginnt die Arbeit mit den jungen Männern draußen vor der Bar, unter dem Vordach.

Wir sind Europa - Andere Europäer, andere Probleme: Sechs Reisen zu EU-Bürgern vor der Europawahl 2019. Hier geht es zu den bereits erschienenen Beiträgen der Serie.

Giovanna Cavallo, 41 Jahre alt, aus Neapel, ist eine Aktivistin von Baobab Experience. So heißt eine bekannte römische Organisation, die Migranten hilft, mit Essen, Kleidern, Sprachkursen, Unterkünften und Rechtsbeistand. Baobab, wie der afrikanische Affenbrotbaum. Cavallo ist zuständig für die juristische Unterstützung der Flüchtlinge, von der Regionsverwaltung gibt es dafür ein kleines Budget, 40 000 Euro für anderthalb Jahre. Alle paar Tage öffnet Cavallo den Informationsstand in ihrem Lieferwagen in Termini und erklärt den Migranten, was es mit "Dublin" auf sich hat, wie sie zu einer Aufenthaltsbewilligung kommen, was passiert, wenn sie den Bescheid erhalten, dass man sie in ihre Heimat zurückbringt. Sie sei keine Juristin, sie habe Literaturwissenschaften studiert. "Das Recht habe ich mir selber beigebracht."

Baobab schafft es oft in die Fernsehnachrichten, weil die Vereinigung auch zu unüblichen Mitteln greift, leer stehende Häuser besetzt und ohne amtliche Erlaubnis Zeltlager baut. Dann interviewen die Sender oft Giovanna Cavallo, sie redet gut und schnell, immer sehr deutlich. Recht allein schafft eben nicht immer auch Gerechtigkeit. Unlängst kam die Polizei und riss das Zeltlager hinter dem anderen großen Bahnhof der Stadt ab, der Stazione Tiburtina. Mit Baggern, wie es Matteo Salvini gefällt, dem Innenminister der rechten Lega. "Danach stand nichts mehr", sagt Cavallo. Die Migranten, einige Hundert, wurden vertrieben, sie leben nun auf der Straße. "Ist das etwa besser?", fragt sie.

Im Lager in der Via Gerardo Chiaromonte in Rom haben Freiwillige der Baobab Experience Flüchtlinge versorgt, bis die Polizei das Camp geräumt hat. Mit jeder Räumung wächst die Zahl der Helfer.

(Foto: Matteo Nardone/imago)

Cavallo und Salvini, zwei Gesichter Italiens, eine Welt dazwischen. Vor ein paar Jahren sind sie einander in einer Fernsehsendung begegnet, da war der "Impresario der Angst", wie ihn die Zeitung La Repubblica unlängst nannte, noch Europaabgeordneter. Cavallo zieht ihr Handy aus der Tasche, scrollt durch die Fotos, bis sie das Bild der beiden aus dem Studio findet. "Ich war etwas rundlicher, ich hatte eben erst meine Tochter zur Welt gebracht." Wenn die Kameras weg waren, sagt sie, sei Salvini ein "simpaticone" gewesen, ein sympathischer Kerl. Damals. "Hinter den Kulissen forderte er mich auf, ihm meine Ideen nach Straßburg zu schicken." Intelligent sei er auch, "superintelligent" sogar.

Nun mobbt er die Schwächsten. So nennt Cavallo Salvinis Politik gegen die Migranten: "ein gigantisches Mobbing". Mit seinem Gesetzesdekret zu Immigration und Sicherheit, dem "Decreto Salvini", mit der Schließung von Aufenthaltszentren und der Einschränkung der Aufenthaltsbewilligungen habe er alles viel komplizierter gemacht für die Zuwanderer und viele von ihnen in die Illegalität gedrängt. Sie verlieren ihr Aufenthaltsrecht, gehen aber nicht weg - wo sollen sie auch hin? Sie rutschen ab in soziale Abgründe, manche betteln, klauen, dealen. "Wie zum Teufel sollen sie sonst überleben?", fragt Cavallo. Alles in dieser Geschichte sei kalkuliert, auch das Chaos. So sei es ganz einfach, das Volk glauben zu machen, dass es noch mehr Kontrolle und Repression brauche. Noch mehr Salvini.