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Italien:Kranker Berlusconi, kranke Partei

Silvio Berlusconi

Sein Arzt sagt, der "Presidente" sei beinahe gestorben, überanstrengt von der Politik.

(Foto: dpa)
  • Berlusconi liegt nach einem Schwächeanfall in einem Mailänder Krankenhaus und soll bald am Herzen operiert werden.
  • Nun wird bereits darüber diskutiert, wer fortan die bürgerliche Rechte anführen könne.
  • Ambitionierte Weggefährten, die sich aus dem Schatten des Ziehvaters zu lösen versuchten, um sich als Erbfolger zu empfehlen, hat Berlusconi kaltgestellt.

Von Oliver Meiler, Rom

Die Italiener erfahren gerade, was eine "Valvola aortica" ist, eine Herzklappe in der Aorta. Und zwar im Detail. Die Zeitungen publizieren grafische Zeichnungen, wie sie das sonst von Wadenmuskeln und Kreuzbändern tun, wenn sich einer der großen Fußballer verletzt hat. Verhandelt wird die Funktionstüchtigkeit des Herzens von Silvio Berlusconi, dem Medienunternehmer und früheren Ministerpräsidenten, der knapp 80 Jahre alt ist.

Berlusconi liegt nach einem Schwächeanfall im Mailänder Krankenhaus San Raffaele und empfängt dort Familie und Freunde, die alle fotografiert und interviewt werden bei ihrer Ankunft. Der Ex-Premier soll bald operiert werden. Sein Arzt sagt, der "Presidente" sei beinahe gestorben, überanstrengt von der Politik. Nun aber füge er sich den medizinischen Ratschlägen. In einem Monat, nach überstandener OP, sei er wieder der Alte. Die Diagnose gab es live auf den Nachrichtensendern, dazu Einblicke in die Kardiologie.

In einigen Zeitungen erscheinen bereits Bilanzen seines Wirkens, wie sie sonst in Nachrufen stehen. Da liest man zum Beispiel, Berlusconi habe es sträflich versäumt, einen Nachfolger aufzubauen, der sein politisches Erbe antreten und die bürgerliche Rechte anführen könnte. Für Berlusconi gibt es nur Berlusconi. Als man ihn einmal fragte, ob er einen Erben im Kopf habe, sagte er: "Ich habe einen Dinosaurier im Zylinder."

Fähig sind nur Silvio, Berlusconi und Silvio Berlusconi

Es war ein falscher Zauber. Einer seiner engsten Vertrauten beschrieb es so: "Es ist ja hinlänglich bekannt, dass er nur drei Leute für fähig hält: Einer heißt Silvio, einer Berlusconi und einer Silvio Berlusconi." All jene ambitionierten Weggefährten, die sich in den vergangenen Jahren aus dem Schatten des Chefs und Ziehvaters zu lösen versuchten, um sich als Erbfolger zu empfehlen, hat Berlusconi kaltgestellt.

So steht seine Forza Italia, die vor gar nicht so langer Zeit noch die größte Partei im Land war, jetzt tief zerrüttet da. Die Parlamentsfraktion erlebte zuletzt einen wahren Aderlass. In Meinungsumfragen sagen nur noch ungefähr zehn bis zwölf Prozent der italienischen Bürger, sie würden Forza Italia wählen. Nun wäre es also höchste Zeit, um Versäumtes nachzuholen und der Partei eine frische Führung zu geben.

Doch Silvio Berlusconi ließ am Freitag ausrichten, er verfolge alles von seinem Krankenbett aus, Forza Italia sei voll operativ, und er sei ohnehin bald wieder zurück.

© SZ vom 11.06.2016/dayk

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