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Italien:Kleinlaut im russischen Schatten

Der sonst so großmäulige italienische Vizepremier Matteo Salvini ist in der Defensive: Die sogenannte "Moscopoli"-Affäre wirft die Frage auf, ob seine rechte Partei Lega Geld aus Russland erhielt.

Innenminister Salvini vor Senat in Rom

Mit „Moscopoli“ und den Fragen zur Finanzierung der Lega will er am liebsten nichts zu tun haben: Matteo Salvini, Innenminister und Vize-Premier, vor dem italienischen Senat.

(Foto: Gregorio Borgia/dpa)

So leise wie gerade haben die Italiener Matteo Salvini noch nie erlebt, und das allein ist schon eine eminent politische Nachricht. Seit einer Woche, als das sogenannte "Moscopoli" ausbrach, wie die italienische Presse den Skandal um eine mögliche Parteifinanzierung der Lega aus Moskau nennt, weiß der starke Mann der italienischen Regierung offenbar nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Seine Kommunikation, bisher die große Stärke, ist erratisch und defensiv geworden. In der Verwirrung bestreitet der Innenminister auch das Unbestreitbare und leicht Nachweisbare. Die Zeitung La Stampa schreibt, Salvini erleide "den ernsthaftesten Schlag gegen seine Führerschaft und seinen internationalen Ruf". Darum rede er alles klein: Fall und Figuren.

Gelingen mag das aber nicht. "Die russischen Schatten" bestimmen in Italien die Schlagzeilen ohne Konkurrenz, seit das amerikanische Nachrichtenportal Buzzfeed vor einer Woche einen Mitschnitt veröffentlichte. Zu hören ist da nur etwas mehr als eine Minute aus einem Gespräch, das eineinviertel Stunden dauerte, den Rest lieferte Buzzfeed als Transkript. Aufgenommen wurde das Gespräch am vergangenen 18. Oktober in der Hotellobby des Metropol in Moskau, einem Haus nahe dem Roten Platz, wo früher einmal hohe sowjetische Dignitäre und Staatsgäste aus dem Westen abstiegen. Auch Salvini war in der Stadt, doch am Treffen im Metropol nahm er nicht teil.

Der Rubel sollte rollen: Man sprach von 65 Millionen Dollar, abgezapft aus einem Öldeal

Anwesend waren sechs Männer: drei Italiener, drei Russen. Unterhaltungssprache: Englisch. Thema: Wie ließe sich die Lega vor den jüngsten Europawahlen mit russischem Geld finanzieren, ohne dass das auffliegt? Man besprach einen Plan, in dem es um 65 Millionen Dollar ging. Die Russen schlugen vor, dass sie dem italienischen Energiekonzern Eni drei Millionen Tonnen Erdöl für einen Gegenwert von 1,5 Milliarden Dollar verkaufen könnten, wovon sich locker vier Prozent als Kommission abzweigen ließen, die dann auf obskuren Umwegen zur Lega gelangen sollten. Ob der Plan umgesetzt wurde, ist nicht klar.

Unklar ist auch immer noch, wer die drei Russen in der Lobby waren. Leute aus dem Kreml? Emissäre von Wladimir Putins Partei "Vereintes Russland"? Oder vielleicht Geheimdienstler, die den Italienern eine Falle stellten? Gesprächsführer auf italienischer Seite war Gianluca Savoini, 56 Jahre alt, früherer Sprecher Salvinis und Berater in russischen Angelegenheiten. Seine Stimme hört man auf dem Mitschnitt. Er steht dazu, nachdem er erst behauptet hatte, er sei nicht dabei gewesen. Die Geschichte des Öldeals nannte er "Fantasterei", "Schlamm", "Schweinerei". Am Dienstag berief ihn die Mailänder Staatsanwaltschaft ein, um ihn zu befragen. Savoini berief sich auf sein Recht zu schweigen.

Die meisten Details aus Savoinis Leben erfahren die Italiener jetzt zum ersten Mal, und alle sind relevant für den weiteren Verlauf des Falls. Früher war Savoini, den sie bei der Lega "Savo" nennen, mal Journalist bei der rechten Zeitung L'Indipendente. Er gehörte der neofaschistischen Gruppe Orion an. 1991 trat er der Lega bei, wie es andere Leute der Gruppe auch taten, um ihre Vergangenheit zu verwischen. 1993 interviewte Savoini für seine Zeitung einen jungen, politisch ambitionierten Mann: Matteo Salvini war damals 20, er wollte in den Mailänder Gemeinderat. "Wir wurden Freunde", sagte "Savo" der Zeitschrift Vanity Fair vor einem Jahr, als noch keiner unbequeme Fragen stellte. Später arbeiteten beide für La Padan ia, die Parteizeitung.

Danach war Savoini eine Weile weg. Er heiratete eine Russin. Russisch aber lernte er nie. "Kein Wort", sagte er einmal. Er gründete die Vereinigung "Lombardia-Russia", die vorgab, mit kulturellen Initiativen den Italienern Russland näherzubringen - "jenseits der Lügen", wie er versprach. Als Quellen für seine Aufklärungsarbeit sollte Savoini dann vor allem "Sputnik" gebrauchen, die Medienplattform von Kremls Gnaden, bekannt für die Verbreitung einschlägiger Fake News. Ihren Sitz hat die Vereinigung an der Via Bellerio in Mailand, in dem Haus, in dem auch die Lega ihre Büros hat.

Als Salvini 2013 Parteivorsitzender wurde, holte er Savoini als Sprecher zurück. Seitdem war Salvini neun Mal in Moskau, um die Verbindungen seiner Partei mit der russischen Rechten und der Entourage Putins zu stärken und zu pflegen. Und immer war Savoini Reiseführer, Organisator und Netzwerker. Er war sein Sherpa. Salvini aber behauptet jetzt, er habe Savoini nie eingeladen auf seine Reisen, er sei nie Teil gewesen der Delegation. "Savoini chi?", fragte er. "Savoini, wer ist das?"

Solche Verleugnungen kommen schon mal vor in der Politik, kleines Teufelszeug des Opportunismus. Doch ist sie in diesem Fall besonders dreist und auch erstaunlich einfältig. Die Fotos, die Salvini und Savoini gemeinsam zeigen, überall, vor allem aber in Moskau, sie könnten Alben füllen. Auch ganz frische sind dabei. Man findet sie auf den Profilen und Konten des Vizepremiers in sozialen Netzwerken. Am 4. Juli, als Putin auf Staatsbesuch in Rom weilte, nahm Gianluca Savoini am Galadinner in der Villa Madama des italienischen Außenministeriums teil. Auch davon gibt es Bilder. Salvini aber tut, als wäre er nichts als ein lästiger Partycrasher, um ihn möglichst von sich fernzuhalten. Ob das gelingt?

Alle fordern Salvini auf, sich in der Sache im Parlament zu erklären - nicht nur die linke Opposition, sondern auch die Regierungspartner der Cinque Stelle. Und Premier Giuseppe Conte. Doch der Vize mag nicht. Er sei doch niemandem Rechenschaft schuldig für Rubel, die er nicht erhalten habe, sagte er. Noch leidet seine Popularität nicht unter "Moscopoli", die Lega wird auf 37 Prozent geschätzt. Doch was ist, wenn ihn die "russischen Schatten" ganz einholen? Der Corriere della Sera gab eine Umfrage in Auftrag. 60 Prozent der befragten Italiener fanden, die Geschichte der heimlichen Millionen aus Russland sei eine gravierende Sache, egal, ob der Deal zustande kam oder nicht.

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