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Italien:Klartext vom Poeten

In Italien liebt man Claudio Baglionis romantische Lieder. Was er zur Migrantenpolitik sagt, weckt nun andere Gefühle.

Kann Romantik falsch sein? Für das bessere Verständnis dieser Geschichte wäre es jetzt von Vorteil, zur Lektüre das Lied "Questo piccolo grande amore" zu hören. Von Claudio Baglioni, dem romantischsten und wohl unpolitischsten italienischen Liedermacher jüngerer Vergangenheit. Dass er unpolitisch ist, spielt hier eine wesentliche Rolle.

Das Lied ist schon alt, von 1972, Baglioni war damals 21. Doch da ist alles drin: das Vibrato in der Stimme, der drängende Herzschmerz. Es beginnt so: "Ihr feines Leibchen war so eng, dass ich mir alles vorstellen konnte." Dazu Meeresrauschen und sanfte Klavierklänge. Baglioni eben. Die Italiener lieben den Sänger für das Säuseln. Die Texte seiner Lieder können sie auswendig, auch heute noch. Die Konzerte des römischen Barden finden in Fußballstadien statt und sind stets ausverkauft. "Wir sind nun mal Romantiker", schreibt der Corriere della Sera.

Nun steht Baglioni plötzlich mitten in einem großen, sehr unromantischen politischen Disput. Als er diese Woche das Programm des anstehenden Schlagerfestivals von Sanremo vorstellte, das er als künstlerischer Direktor leitet, erlaubte er sich einen allgemeinen Kommentar zur Zeit. Die Italiener, sagte er, seien konfus, zornig und nachtragend geworden. "Wir misstrauen sogar unserem eigenen Schatten." Nirgends sehe man das besser als beim Umgang der italienischen Regierung mit dem Großphänomen der Migration. "Millionen Menschen sind unterwegs, und wir glauben, die Sache lasse sich lösen, indem wir 40 Personen nicht von Bord gehen lassen."

Gemeint waren die 49 Migranten, die wochenlang auf zwei Rettungsschiffen vor Malta ausharren mussten, bevor man sich in Europa auf eine Aufteilung der Menschen verständigte. Eine Farce sei das, sagte Baglioni. Seine Rüge galt vor allem Matteo Salvini, dem italienischen Innenminister, der die Häfen des Landes schließen ließ. Namentlich nannte er ihn nicht, aber das war auch nicht nötig. Salvini antwortete so schnell und hart, wie er das sonst bei linken Gegnern tut. "Sing, dann vergehen dir die Flausen", ließ er ausrichten. Um Migration, Sicherheit und Terrorismus kümmere er sich schon. Seitdem wird der Cantautore im Netz mit Hass überzogen. Manche rufen zum Boykott von Sanremo auf. Und das ist natürlich grotesk, fast schon ein Geschenk. Die Polemik dürfte die Einschaltquoten noch in die Höhe treiben. Die Ausgabe vom vergangenen Jahr, Baglionis erste als Direktor, war bereits ein Großerfolg. Salvini war sogar Gast. Zwölf Millionen schauten zu, jeden Abend, auf Rai Uno.

Es sind immer fünf unendlich lange Abende im Februar, ein herrlich aus der Zeit gefallenes Format. Das Teatro Ariston in Sanremo ist dann jeweils das Zentrum des Landes, die Bühne für ein verbindendes Ritual, seit 1951 schon. Lieder allein füllten sie noch nie aus. In Sanremo soll immer alles verhandelt werden: die Seele der Nation und alles drum herum. Diesmal, vom 5. Februar an, gibt es besonders viel zu verhandeln, den Zorn etwa, die neue Hartherzigkeit. Der Barde mit dem Zittern in der Stimme ist da vielleicht der ideale Direktor. Möge er mehr reden und weniger singen.

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