Ventimiglia:Heftiger Regen hört irgendwann auf - so sieht Ioculano auch die Flüchtlinge

"Jeden Tag kommen neue Flüchtlinge an, prallen ab, werden in den Süden gebracht, kehren zurück", sagt er, "bei einem heftigen Regen weißt du: Irgendwann hört er auf." Selbst ein Flutregen höre einmal auf. Auch die Bürger seien müde, sagt Ioculano. Er ärgert sich darüber, dass die Medien Ventimiglia mit Calais vergleichen. "La piccola Calais" wird die ligurische Stadt genannt, das kleine Calais, als würden auch in Ventimiglia wilde Zeltlager wachsen. "Der Vergleich macht mich wahnsinnig", sagt Ioculano, "in unserem Campo Roja werden die Flüchtlinge menschlich und würdevoll behandelt."

Nun ja, das ist noch nicht lange so. Das Campo gibt es erst seit einem Monat, und es gilt nun als Modell, obschon seine 360 Plätze längst nicht ausreichen. Im Moment leben da 600 Männer aus dem Sudan, aus Äthiopien und Eritrea. Unter einer Brücke, die sich über die Gleise wölbt, hat das Rote Kreuz einen Gebetsteppich ausgelegt, auf einem Tisch liegen drei Ausgaben des Koran. Daneben spielen Männer Karten, laut und fröhlich, es fehlt ihnen an nichts.

Die Flüchtlinge lebten in einem alten Depot am Bahnhof, in illegalen Camps

Doch bevor es das "Campo Roja" gab, waren die Flüchtlinge in einem alten Depot beim Bahnhof untergebracht, das auch den Bürgermeister so sehr beschämte, dass er aus Protest seine Mitgliedschaft im Partito Democratico suspendierte, der Partei von Premier Matteo Renzi. Viele Flüchtlinge hätten deshalb auch in illegalen Camps im Zentrum der Stadt gelebt, sagt Ioculano, mitten in den Residenzvierteln. Und das habe natürlich Spannungen verursacht.

In der alten Bar Pasqualini an der zentralen Via Cavour erzählt eine Frau, die lieber nicht mit Namen genannt werden will, man sei hin- und hergerissen: "Diese armen Leute: Natürlich muss man ihnen helfen. Aber warum helfen nur wir?" Seit Ventimiglia wegen der Flüchtlingskrise täglich Schlagzeilen mache, sei das Tourismusgeschäft eingebrochen. Um 50 Prozent, sagt sie, viele Buchungen für die Sommerferien seien storniert worden, die Restaurants und Läden seien auch im August meist leer.

"Jahrzehntelang haben wir dafür gekämpft, dass die Grenzen fallen - und nun lassen uns die Franzosen einfach hängen." Sie hat da auch ihre persönliche Erfahrung gemacht. Wenn sie jeweils alleine den Zoll bei Menton passiere, winke man sie durch, sitze aber ihre Enkelin auf dem Beifahrersitz, müssten sie immer zum Grenzposten. "Das dauert dann eine Dreiviertelstunde", sagt die Frau, obschon beide den italienischen Pass besäßen. "Meine Enkelin hat dunkle Hautfarbe."

Johnboss fürchtet nichts als den Rückflug nach Darfur

Europa endet in Ventimiglia, vielleicht scheitert Europa auch in Ventimiglia. Johnboss wird es dennoch weiter versuchen. Immer wieder. "Wenn du erlebt hast, was ich im Krieg in Darfur erlebt habe", sagt er, "dann macht dir nichts mehr Angst."

Vor acht Monaten brach er auf, fuhr nach Tschad, dann weiter durch die Wüste nach Libyen, wo er eine Weile arbeitete, um genug Geld zusammenzubekommen für die Reise übers Mittelmeer. Der Weg über Ägypten wäre einfacher und weniger gefährlich gewesen, aber auch viel teurer. Das Schiff, auf dem er reiste, geriet auf halbem Weg, mitten im Kanal von Sizilien, in Seenot und wurde von der italienischen Küstenwache gerettet. Alle 148 Passagiere überlebten. Man brachte sie nach Sizilien. An den Namen des Ortes kann sich Johnboss nicht mehr erinnern. Das war vor zwei Wochen. Er danke Italien, sagt er ständig, es habe ihn gut behandelt.

Doch nun wolle er nach Frankreich, zum Cousin. Wo der genau wohnt, weiß er nicht. Er habe eine Telefonnummer gespeichert, er werde dann anrufen, wenn er drüben sei. Davor erwartet ihn noch eine Partie "Mensch ärgere Dich nicht". Oder zwei, drei, vier. Wenn er Pech hat, schicken sie ihn heim nach Darfur, mit einem Charterflug. Davor fürchte er sich, sagt Johnboss, nur davor.

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