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Italien:Ein Glücksfall für die Sterne

Nicht mehr Premier, aber Nummer eins bei den Fünf Sternen: Guiseppe Conte.

(Foto: -/AFP)

Italiens ehemaliger Premier Giuseppe Conte übernimmt die Cinque Stelle - und will alles auf den Kopf stellen. Sogar ein Parteisitz wird gesucht. Mit Büros! Und allem drum und dran!

Von Oliver Meiler, Rom

Giuseppe Conte ist zurück, in neuer Rolle. Die Italiener hatten mehr als einen Monat lang nichts mehr von ihrem ehemaligen Premier gehört, es drängte ihn nicht zur Bühne. Der Sturz nach zweieinhalb Jahren an der Macht setzte Conte ganz offensichtlich nicht so stark zu, wie das wohl in ähnlicher Lage bei Politikern mit klassischer Karriere der Fall gewesen wäre. Es hieß, Conte habe seine Niederlage mit Eleganz hingenommen, fast schon erleichtert sei er gewesen. Zunächst dachte man, Conte könnte einfach zu seinem alten Leben als Anwalt und Rechtsprofessor zurückkehren, aus dem er im Frühjahr 2018 aufgetaucht war, als er Regierungschef wurde - völlig unbekannt im Volk, parteilos, ohne Wahlmandat.

Der Eindruck täuschte. Conte hat nun die Leitung der Cinque Stelle übernommen. Vom Amt des Premiers zu dem eines Parteichefs: Bei ihm läuft eben alles anders herum.

Er sitzt nun jener Bewegung vor, der er zwar immer nahegestanden hatte, deren Mitglied er aber erst seit Kurzem ist. Am Abend des Gründonnerstag stellte er in einer Onlineversammlung seine Ideen für die Zukunft vor. Hunderte Mitglieder aus dem europäischen, dem nationalen und den regionalen Parlamenten nahmen teil, auch Bürgermeister der Fünf Sterne waren dabei.

Alles soll neu werden. Die Partei, die nie eine Partei sein wollte, soll bald klare Organisationsstrukturen erhalten, mit nationalen und regionalen Verantwortlichen. Sogar einen Sitz in Rom sucht man sich gerade, mit Büros und allem drum und dran. Vor einigen Jahren wäre das noch unvorstellbar gewesen. Alles wollte man bisher im Netz machen, leicht und basisdemokratisch, auch um die Kosten niedrig zu halten.

Nur Mario Draghi ist noch beliebter im Volk als Conte

Onlineabstimmungen werde es auch in Zukunft geben, sagte Conte. Doch wenn es darum gehe, Kandidaten fürs Parlament und geeignetes Personal für Posten in den Institutionen zu bestimmen, brauche es "ehrliche Personen mit spezifischen Fähigkeiten und Kompetenzen". Eine Abkehr vom alten Prinzip: "Uno vale uno" - einer ist so gut wie der andere. Es war einmal das hehrste Prinzip der Cinque Stelle.

Für jede Phase gebe es eine Geschichte, sagte Conte. Die Zeiten des "Angriffs auf den Palazzo" seien vorbei. Es gehe ihm nicht um "Restyling und Marketing", sondern um eine Neubegründung der Bewegung, mit einem neuen Statut und einem neuen Wertkatalog. Dazu gehörten unter anderem der Schutz der Umwelt und die Verbundenheit zu Europa. Conte selbst gilt als linker Christdemokrat. Auch die Zeiten des Populismus scheinen vorbei zu sein.

Für die Cinque Stelle ist der Süditaliener ein Glücksfall, seine Beliebtheit im Volk ist nämlich ungebrochen hoch. Nur sein Nachfolger Mario Draghi ist im Moment noch beliebter, aber das liegt in der Natur der Sache. Seit ihrem Wahlsieg von 2018 haben die Sterne zusehends Zustimmung verloren - von 33 auf zwischenzeitlich 15 Prozent. Wähler der ersten Stunde werfen ihnen vor, sie hätten an der Macht fix ausgehandelte Tabus gebrochen und einst heilige Kämpfe aufgegeben, mal mit der Rechten regiert und mal mit der Linken. Enttäuscht ist man auch über die vielen Grabenkämpfe innerhalb der Partei, von denen nicht wenige um Macht und Posten kreisen.

Wie Conte zusammen mit Grillo funktionieren wird, muss sich zeigen

Conte kommt gewissermaßen von außen, er kann den Laden zusammenhalten. In den jüngsten Umfragen, mit Conte als Anführer, steigen die Cinque Stelle in der Gunst wieder auf fast 20 Prozent. Die Frage ist nur, wie sein Zusammenspiel mit Beppe Grillo funktionierten wird, dem Gründer und Guru der Bewegung. Offiziell trägt Grillo den Titel des "Garanten". Doch für welche Linie er genau garantiert, ist nicht so klar. Das ist gar oft eine Frage seiner Tagesform.

Conte würde jetzt gerne die Allianz mit den Sozialdemokraten vom Partito Democratico vertiefen und bei kommenden Wahlen gemeinsam antreten - etwa bei den Bürgermeisterwahlen im Herbst in Turin, Mailand, Rom, Neapel und in vielen anderen Städten. Auch das ist ein Tabubruch, eine Totalverwandlung. Früher, als die Sterne noch gegen das System kämpften und die Eliten mit wüsten Tiraden verwünschten, da war es undenkbar, dass man sich mal so eng mit einer anderen Partei verbünden könnte. Der Quereinsteiger aber darf fast alles.

© SZ/mob
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