Italien:Machtkampf in den Sternen

Italien: Beppe Grillo in Roms Circus Maximus 2018. Zur Zeit liefert er sich einen Machtkampf mit Giuseppe Conte.

Beppe Grillo in Roms Circus Maximus 2018. Zur Zeit liefert er sich einen Machtkampf mit Giuseppe Conte.

(Foto: Gregorio Borgia/AP)

Giuseppe Conte fordert Beppe Grillo, Gründer und Guru der Cinque Stelle, mit einem neuen Parteistatut frontal heraus. Der Komiker kontert - mit Pointen in alle Richtungen.

Von Oliver Meiler, Rom

Wenn Beppe Grillo, Komiker und Politiker in seltsam unausgewogener Personalunion, jeweils aus seinem Genua nach Rom fährt und immer in demselben Hotel bei den Kaiserforen absteigt, erfasst die Parlamentarier und Minister seiner Partei Cinque Stelle jedes Mal eine besondere Gefühlsmischung: Aufregung und Sorge, in der Summe fiebrig. Grillo, bald 73, ist unberechenbar: kein Auftritt ohne Querschläge, Zornausbrüche, Kapriolen. Und doch bleibt er für viele eine quasireligiöse Inspirationsquelle. Sie nennen ihn auch "L'Elevato", den Erhabenen, als schwebte er über allem. Das mag merkwürdig klingen für eine Partei, die sich rühmt, aus der Basisdemokratie ihre Essenz zu ziehen. Und natürlich ist es genau das: sehr merkwürdig.

Nun ist Grillo wieder mal in Rom, diesmal gewissermaßen in eigener Mission. Dort versucht nämlich jemand, seinen Status zu stutzen. Giuseppe Conte, zuletzt für zweieinhalb Jahre und bis Februar italienischer Ministerpräsident, soll neuer "Capo politico" der Partei werden. Während seiner Zeit als Regierungschef war er noch nicht einmal ein eingeschriebenes Mitglied der Cinque Stelle gewesen, obschon ihn die ins Amt befördert hatten.

Nun will er die Partei rundum erneuern, sie in der politischen Mitte verankern, ihr Strukturen geben, einen richtigen Sitz auch. Dafür schreibt er das Statut um, ordnet die Machtverhältnisse neu, demokratisiert die Spitze. 32 Seiten sind zusammengekommen. Sobald eine Einigung gefunden ist, will er das Papier den Mitgliedern in einer Onlineabstimmung unterbreiten und gleich auch die Vertrauensfrage stellen - für sich.

Doch das Papier missfällt Grillo, vor allem der Part, der von seinen Befugnissen handelt. Bisher war es so, dass er als sogenannter Garant der Partei immer das letzte Wort hatte, in allem. Das konnte auch dazu führen, dass er eine Kandidatin für das Bürgermeisteramt in Genua, die sich in einer Urwahl durchgesetzt hatte, rauswarf, weil sie ihm nicht passte. Er beschließt auch recht selbstherrlich, mit wem sich die Cinque Stelle zusammentun, um zu regieren. Mal mit der rechtsextremen Lega, dann mit den einst verhassten Sozialdemokraten, neuerdings mit Mario Draghi, den viele Leute in seiner Partei früher für das Übel in Person hielten.

Drei Allianzen in drei Jahren. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Cinque Stelle sich eigentlich nie mit Vertretern aus dem alten Establishment zusammentun wollten. Nun regieren sie, auf Geheiß von Grillo, mit dem früheren Chef der Europäischen Zentralbank. Und nun soll Grillo nicht einmal mehr einen Post auf dem Blog publizieren können, bevor er ihn der Parteispitze gezeigt hat. Solche Kontrolle erlebt er natürlich als mittlere Majestätsbeleidigung.

"Ich bin der Garant und kein Vollidiot", sagt Grillo

Also versammelte er die Fraktionen um sich, zuerst die in der Abgeordnetenkammer, dann die im Senat, um seine Stellung zu verteidigen. 237 Parlamentarier zählt die Partei insgesamt, seit der Parlamentswahl 2018 ist sie die größte von allen. Conte war nicht dabei, er sitzt ja auch nicht im Parlament. "Ich bin der Garant und kein Vollidiot", sagte Grillo zum Auftakt und erhielt dafür den ersten Applaus, wie Teilnehmer später den Zeitungen erzählten. Und: "Conte braucht mich, ich brauche Conte nicht." Dann: "Giuseppe muss erst noch lernen und verstehen, was die Bewegung ist." Conte sei ein rationaler Mann, er, Grillo, sei dagegen Visionär. Ohne Vision sei alles nichts. Dann gab es aber auch noch Lob für Conte, der sei "ganz außerordentlich" und "unbescholten". Es war wie immer: eine Show mit Pointen in alle Richtungen.

Der Machtkampf hat eben erst begonnen, noch ist vieles Taktik. Conte drohte schon, seine eigene Partei zu gründen, in Konkurrenz zu den Cinque Stelle, sollte Grillo nicht einlenken. Er ist sehr populär, im Volk und in einem Teil der Partei. Zehn Prozent - so groß könnte der Wähleranteil Contes sein, wenn er das Solo wagen würde. Es gibt Erhebungen, die seine Aussichten sogar noch höher bewerten, während der Zuspruch der Cinque Stelle ohne Conte in den vergangenen Jahren dramatisch gesunken ist.

Grillo brachte dafür zu seinem Auftritt vor den Parlamentariern das neue Logo der Partei mit. Unter den gelben Sternen steht jetzt "2050", eine Jahresmarke als optimistischer Horizont. Das Logo gehört Beppe Grillo persönlich, dem Erhabenen - noch jedenfalls, so steht es im bisherigen Statut.

© SZ/mcs
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