Freundschaftsvertrag zwischen Rom und Paris:Italien als Nebenbuhler

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Freundschaftsvertrag zwischen Rom und Paris: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (l.) und Italiens Premierminister Mario Draghi vor dem Élysée-Palast in Paris.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (l.) und Italiens Premierminister Mario Draghi vor dem Élysée-Palast in Paris.

(Foto: Michel Euler/AP)

Mario Draghi und Emmanuel Macron unterzeichnen in Rom einen "Trattato del Quirinale". Der kopiert ein berühmtes Original - den "Élysée-Vertrag" zwischen Frankreich und Deutschland. Doch wie lange werden sich die Cousins vertragen?

Von Oliver Meiler, Rom

Alte Rivalitäten müssen nicht ewig währen. Und so üben sich nun Italiener und Franzosen in strukturierter Freundschaft - oder wie es offiziell und prosaisch heißt: "Vertrag für eine verstärkte bilaterale Zusammenarbeit". "Trattato del Quirinale" klingt schöner. Der soll am Freitagmorgen daselbst, also im römischen Quirinalspalast, dem Sitz des italienischen Staatspräsidenten, unterzeichnet werden. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sollte dafür schon am Donnerstag anreisen. Man möchte diesen Anlass mit Pomp begehen. Für den Corriere della Sera, Italiens größte und vielleicht nüchternste Zeitung, ist das ein "historischer Termin". Der "Quirinal-Vertrag" sei das Pendant zum "Élysée-Vertrag", kann man überall lesen.

Der Vergleich mit dem Freundschaftsvertrag zwischen Frankreich und Deutschland, unterzeichnet von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, ist natürlich etwas abenteuerlich. Zumal der bald sechs Jahrzehnte alt ist und vor Kurzem in Aachen aufgefrischt wurde, in Geist und Methode. Aber die Versuchung ist nun mal groß.

Dreißig Seiten umfasst der Vertrag der "Cousins", wie sich Italiener und Franzosen gegenseitig sehen, mit einer Präambel zu gemeinsamen Zielen. Dazu noch einmal dreißig Seiten Programm, wie man diese Ziele erreichen will. Vieles ist kopiert. In Zukunft sollen die Ministerräte aus Rom und Paris einmal im Jahr eine gemeinsame Sitzung abhalten, wie das französische und deutsche Kabinette bereits tun. Die außenpolitischen Kommissionen der beiden Parlamente werden sich schon in zwei Wochen in Paris ein erstes Mal treffen. Junge Italiener sollen bald mehr Französisch lernen und Franzosen mehr Italienisch. Auf allen möglichen Gebieten will man sich abstimmen, so etwa auch bei der Migration, in der Außenpolitik und in der Rüstungsindustrie. In jüngerer Vergangenheit gab es gerade in diesen Bereichen Fehden und Brüskierungen unter den Nachbarn.

Migration, Libyen, Gelbwesten - jüngst balgte man sich noch häufig

Oft warfen die Italiener den Franzosen vor, dass die sich gegen Migranten abschotteten, die in Italien europäischen Boden betraten und weiterwanderten nach Norden - etwa an den Grenzen in Ventimiglia und Bardonecchia. Als der Rechtspopulist Matteo Salvini von der Lega italienischer Innenminister war, wuchsen sich die Streitereien zu täglichen Anwürfen aus. Und Salvinis Regierungspartner in jener Zeit, die Protestpartei Cinque Stelle, hielt es für ratsam, den Gilets jaunes - der Gelbwesten-Bewegung - den Hof zu machen. Das ist erst zweieinhalb Jahre her, das Verhältnis bewegte sich damals am Gefrierpunkt.

Auch in der Außenpolitik stritt man sich in den vergangenen Jahren mit Inbrunst, vor allem was Libyen betraf. Viele Italiener halten den Franzosen bis heute vor, dass sie ihre frühere Kolonie mit der Demontage von Muammar al-Gaddafi ins Chaos gestürzt hätten - angeblich auch aus geopolitischem und industriellem Kalkül. Der französische Erdölkonzern Total ist ein erbitterter Konkurrent des italienischen Gegenparts Eni. Und Paris sieht den Norden Afrikas gerne als seinen Hinterhof.

Seit Mario Draghi italienischer Premier ist, hat sich das Klima schlagartig aufgehellt. Draghi und Macron trafen sich in den vergangenen neun Monaten sechs Mal, meistens am Rande von Gipfeln, einmal auch in Marseille zum Diner in einem Drei-Sterne-Restaurant an der Corniche. Die beiden mögen sich. Rom und Paris scheinen auch ein Interesse zu haben daran, ihre Achse zu stärken, während in Berlin gerade ein Epochenwechsel vollzogen wird.

In diesem Zusammenhang interessiert die neuen Vertragsfreunde vor allem, wer in Deutschland neuer Finanzminister wird und wie somit wohl die zukünftige Finanz- und Fiskalpolitik in Europa aussehen könnte. Man ist besorgt, dass nach der jüngst expansiven Linie wieder Austerität angesagt sein könnte, wenn nun die FDP die Buchführung übernimmt und diese mit den "Falken im Norden", wie im Süden die sparsamen Länder in der Europäischen Union genannt werden, auch für den Kontinent neu ausrichtet.

Allzu viel Strategie sollte trotzdem nicht ins Timing gelesen werden: Die Idee für diesen Kooperationsvertrag wurde schon 2017 geboren, als in Rom der Sozialdemokrat Paolo Gentiloni regierte. Paris bietet sich nun die Gelegenheit, sich mal eher mit Berlin, mal eher mit Rom abzustimmen - je nach Thema und Bedürfnis. Wobei: Viel mehr als eine Nebenbuhlerei ist die neue Freundschaft nicht, dafür schwelen noch zu viele Konflikte. Wann immer ein französischer Konzern nach einem italienischen Unternehmen greift, was in den letzten Jahren oft vorkam, wird es schnell politisch. Italienische Kritiker des "Trattato del Quirinale" glauben auch, er bringe den Franzosen mehr als den Italienern. Italien, schreibt eine Zeitung, begebe sich in den Einflussbereich Frankreichs, sozusagen in dessen Schatten.

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