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Italien:Duell der Verkäufer

Italy's League Party holds an anti-government demonstration in Rome

Matteo Salvini, Chef der rechten Lega, ehemaliger Innenminister und bis vor Kurzem der Dominator der rechten Szene, mit einem Fan.

(Foto: Remo Casilli/Reuters)

Renzi und Salvini, die derzeit talentiertesten Politiker des Landes, buhlen um die gesellschaftliche Mitte.

Zwei Bühnen, zwei politische Völker, ein Wochenende wie in Stereo. Die Italiener haben Matteo Salvini und Matteo Renzi, ihren talentiertesten Politikern jüngerer Vergangenheit, dabei zugeschaut, wie sie sich nach Stürzen für neue Schlachten sammelten. Der eine auf einer großen Piazza in Rom, der andere in einem alten Bahnhof in seiner Heimatstadt Florenz. Und beide reden jetzt von einem Erfolg, was nicht weiter verwundert. Salvini und Renzi sind wunderbare Verkäufer ihrer selbst, und jung sind sie auch, zumindest für die Standards der italienischen Politik: 46 und 44 Jahre. Ihnen, so muss man annehmen, gehört noch immer die Zukunft.

Matteo Salvini, Chef der rechten Lega und früherer Innenminister, bis zur Selbstdemontage im Sommer der große Dominator der Szene, rief die ganze Rechte nach Rom auf die Piazza San Giovanni, den Platz, den sonst die Linke für ihre Großkundgebungen bucht. Glaubt man den Organisatoren, kamen 200 000 zu diesem Tag des "italienischen Stolzes", viele von ihnen in Bussen aus dem Norden des Landes. Es war ein herrlicher Herbsttag, sonnig, 25 Grad. Sie schwenkten Fahnen, Trikolore zumeist, und verwünschten die neue Regierung, als wäre sie des Teufels.

Dieselbe Generation, derselbe Stil, dieselbe Ambition, aber unterschiedliche Glaubenswelten

Auf der Bühne standen auch Silvio Berlusconi, Ewigpräsident der bürgerlichen Forza Italia, und Giorgia Meloni, die Vorsitzende der postfaschistischen Fratelli d'Italia. Beide Parteien wiegen etwa acht Prozent der Wählerabsichten, während die Lega noch immer bei etwa 30 Prozent steht. Berlusconi und Meloni hatten bestenfalls Statistenrollen inne, sie waren auch spät eingeladen worden, fehlen wollten sie aber nicht. Dank ihrer Anwesenheit kann Salvini nun definitiv behaupten, dass er das gesamte rechte Spektrum vertritt, auch das sehr rechte: Im Publikum, nicht weit von der Bühne, hatte sich eine Abordnung von Casa Pound positioniert, die sich selbst "Faschisten des 3. Jahrtausends" nennen.

Manchen Leuten von Forza Italia missfiel die laut angekündigte Präsenz von Casa Pound so sehr, dass sie nicht dabei sein wollten. Salvini hat da weniger Mühe, obschon er gerade an einer bemerkenswerten Mäßigung seiner politischen Offerte arbeitet. Besonders auffällig dabei: seine neue Sicht auf den Euro. Die Gemeinschaftswährung, sagt er jetzt, sei da, um zu bleiben. Wahrscheinlich haben ihn die Unternehmer in der Lombardei und im Veneto davon überzeugt, dass sein altes "No Euro"-Gerede dem Land und dem Geschäft nur schade. Salvini sucht die Mitte aber vor allem deshalb, weil seine rechte Rechte mit der ganz auf die Migrationsthematik reduzierten Politik nach dem Eigentor im Sommer keine Aussicht auf eine eigene Mehrheit mehr hat. Zumindest kurzfristig hat sie das nicht.

Auch Matteo Renzi, der frühere Premier, buhlt um dieses politische Zentrum. Die zehnte "Leopolda", wie das alljährliche Treffen der Seinen im umfunktionierten Bahnhof heißt, diente diesmal der Gründungsfeier seiner neuen Partei "Italia Viva". Zum Symbol wählten die Anhänger ein rosa Logo mit einer Möwe. Renzis Bruch mit dem sozialdemokratischen Partito Democratico, dem er jahrelang vorgesessen hatte, oft unverstanden und befehdet von linkeren Genossen, ist die politische Novelle des Herbstes.

In den ersten Umfragen sagten nur etwas mehr als fünf Prozent der Italiener, dass sie Italia Viva wählen würden. Doch die Partei hat noch nicht einmal ein Statut, geschweige ein Programm. Die "Leopolda" war aber schon mal so gut besucht, dass Tausende keinen Platz im Saal fanden. Renzi ließ sich wie ein Rockstar feiern, in Jeans und weißem Hemd. Im Parlament folgen ihm mehr als vierzig Abgeordnete und Senatoren. Er kann jederzeit dafür sorgen, dass die neue Regierung, deren Geburtshelfer er war, wieder fällt. Und Renzi nutzt diese neue Bedeutung mit täglichen Sticheleien gegen Giuseppe Conte, den Premier, und gegen dessen Haushaltspläne für nächstes Jahr.

Renzis Sturz ist schon eine Weile her: Dezember 2016. Damals verlor er seine Wette, mit einer großen Verfassungsreform das Land zu revolutionieren - und trat danach sofort zurück. Seither bastelt er an seinem politischen Comeback. Salvinis Sommerdrama half ihm dabei, es war eine unverhoffte Steilvorlage. Mit seinem Coup, die Sozialdemokraten mit den Cinque Stelle zu vermählen, die er bis wenige Stunden davor noch beschimpft hatte, verdrängte Renzi seinen wichtigsten Gegenspieler von der Macht. Als er sich vergangene Woche in einem TV-Duell mit Salvini maß, sagte Renzi lächelnd: "Na, nagt die Niederlage noch?"

Man sah Salvini und Renzi an, dass ihnen die Rivalität viel Spaß bereitet: dieselbe Generation, derselbe Kommunikationsstil, dieselbe Ambition, aber unterschiedliche politische Glaubenswelten. Das Duell zwischen den "beiden Matteos", wie die italienischen Medien sie nennen, wird die Italiener wohl noch einige Jahre beschäftigen.