Italien Die Frau, die zweimal die Mafia besiegt hat

Im Mai 2018 posiert Piera Aiello zum ersten Mal für ein Foto, nachdem sie ein Vierteljahrhundert lang ein Leben im Visier der Mafia führte.

(Foto: ROPI)

Weil sie als Kronzeugin gegen die Cosa Nostra ausgesagt hatte, konnte Piera Aiello nur verschleiert für das Parlament kandidieren. Sie gewann ein Mandat - und zeigt nun erstmals wieder ihr Gesicht.

Von Stefan Ulrich

Sie war die "Kandidatin ohne Gesicht" im italienischen Wahlkampf und danach, als Abgeordnete in Rom, das "Gespenst" des Parlaments. Wenn sie Interviews gab, in Schulen sprach oder auf Veranstaltungen auftrat, trug sie einen Schleier. Und nicht einmal auf ihrem Parlamentsausweis war ein Foto von ihr zu sehen.

Der Grund: Piera Aiello führte ein Leben im Visier der Mafia, ein Vierteljahrhundert lang. Als Kronzeugin gegen die Cosa Nostra musste sie an einem geheimen Ort fern ihrer Heimat Sizilien leben, stets von Leibwächtern umgeben, immer in der Gefahr, die Mafiosi könnten ihre Drohung wahrmachen, sie zu ermorden. Doch jetzt hat die 50 Jahre alte Frau beschlossen, wieder Gesicht zu zeigen. Beim Gedenken für ein Opfer der Cosa Nostra in Sizilien legte sie den Schleier ab. Es ist ihr zweiter Sieg gegen die Mafia.

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Dabei hatte es zunächst so ausgesehen, als sollten die Clans ihr ganzes Leben bestimmen. Als sie 14 Jahre alt war, lernte sie in ihrem Heimatort, dem westsizilianischen Partanna, Nicolò Atria kennen, den Sohn des örtlichen Bosses Don Vito. Die beiden heirateten. Ein paar Tage später wurde Don Vito von einem gegnerischen Clan erschossen. Piera Aiello versuchte vergeblich, ihren Mann von der Vendetta, der Blutrache, abzuhalten.

Es folgten Jahre der Angst für die junge Frau. Ihr Mann mischte im Drogenhandel mit, lief stets mit einer geladenen Pistole herum und suchte nach den Mördern seines Vaters. Dabei geriet er in Hinterhalte, zwei seiner Freunde wurden getötet. "Doch wenn ich ihm sagte, er solle mit diesem Leben aufhören, schlug er mich." Dann, im Juni 1991, wurde Nicolò Atria vor ihren Augen in ihrer Pizzeria erschossen. "Es war ein Wunder, dass ich selbst mit dem Leben davonkam."

Auch Piera Aiello wollte sich nun rächen. Allerdings nicht auf Mafiaart. Über einen befreundeten Carabiniere nahm sie Kontakt mit der Justiz auf. Sie lernte den berühmten Anti-Mafia-Staatsanwalt Paolo Borsellino kennen und erklärte sich schließlich bereit, als Kronzeugin auszusagen. Ihr Mann hatte ihr viele Geheimnisse der Cosa Nostra erzählt, sie kannte die Mitglieder der Clans ihrer Heimat beim Namen und offenbarte sie den Ermittlern. Ihr erster Sieg über die Mafia. Doch zu was für einem Preis!

Staatsanwalt Borsellino forderte sie auf, Sizilien aus ihrer Landkarte "herauszuschneiden". Piera Aiello wurde mit ihrer kleinen Tochter ins Flugzeug gesetzt und ins "Exil" gebracht, wie sie es nennt. Nachdem die Mafia 1992 auch ihren Mentor Borsellino umgebracht hatte, folgten Jahre der Isolation und Vereinsamung. Ihre Schwägerin, die ebenfalls Kronzeugin geworden war, beging aus Verzweiflung Selbstmord.

Piera Aiello aber wollte weiterkämpfen. Sie klärte, stets verhüllt, in Schulen über das organisierte Verbrechen auf und engagierte sich in Anti-Mafia-Vereinen. Und sie wollte noch mehr tun: in die Politik gehen, um als Abgeordnete die Cosa Nostra zu bekämpfen und das traurige Leben von Kronzeugen zu verbessern. Da sie die rechten und linken Alt-Parteien auf Sizilien für diskreditiert und in Teilen von der Mafia unterwandert hielt, schloss sie sich der neuen Fünf-Sterne-Bewegung an. "Ich beschloss, Kandidatin zu werden, weil ich, Piera Aiello, mein Gesicht zurückhaben wollte", sagte sie jetzt der britischen Zeitung The Guardian.

So zog sie, noch verschleiert, ausgerechnet in ihrer Heimat Westsizilien in den Wahlkampf, wo die Mafia bis heute tief verwurzelt ist. Und sie gewann bei der Parlamentswahl im März mit großem Vorsprung, ein Zeichen dafür, dass die Cosa Nostra auch in ihren Hochburgen zu besiegen ist. Ihren Wählern verspricht Piera Aiello, sich im Kampf gegen das organisierte Verbrechen auf keinerlei Kompromisse einzulassen. Dazu passt, dass sie jetzt die Verhüllung beiseitelässt. Sie sagt: "Endlich kann ich der Welt ins Gesicht schauen, ohne Angst zu haben, mein eigenes zu zeigen."

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