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Italien:Der Toskana-Krimi

Löwin auf Rädern: Susanne Ceccardi von der Lega auf einem Wahlplakat in der Toskana.

(Foto: Carlo Bressan/AFP)

Am Wochenende werden Regionalregierungen gewählt - entscheidend ist der Kampf um die Macht in Florenz. Die Festung der Linken wankt unter dem Ansturm der Lega, und manches Schicksal wird nun besiegelt.

Von Oliver Meiler, Grosseto

Von Susanna Ceccardi heißt es, sie sei eine Löwin. Wenigstens bei der Lega, ihrer Partei, nennt man die junge Toskanerin so: "Leonessa". Sie ist 33, immer direkt und oft laut, sehr aktiv im Netz, frei von Lampenfieber am Fernsehen - sie löchert den Bildschirm, wie die Italiener sagen. Und sie steht am rechten Rand der rechten Lega.

Wenn nun alle auf diese Frau schauen, dann liegt das daran, dass Susanna Ceccardi bei den Regionalwahlen vom 20. und 21. September Chancen hat, der Linken die Toskana zu entreißen. Sie würde wohl sagen: den Roten. Es wäre eine Premiere. Seit einem halben Jahrhundert kam das noch nie vor, seitdem in der Toskana überhaupt solche Regionalwahlen durchgeführt werden. Die Umfragen sagen einen knappen Ausgang voraus, und allein diese Unwägbarkeit lässt die Linke erzittern - und mit ihr die nationale Regierung in Rom.

"Die Hochburg ist einnehmbar" - die Toskana rückt ins Zentrum des Machtkampfes

Gewählt werden auch die Regionspräsidenten in Ligurien, im Veneto, dem Aostatal, in den Marken, in Kampanien und Apulien - überall spannende Duelle. 20 Millionen Italiener sind zur Urne geladen. Doch wirklich wichtig ist nur der Showdown um die Toskana, wegen der Symbolik. Im toskanischen Livorno war 1921 der Partito Comunista Italiano gegründet worden, der PCI, lange die größte kommunistische Partei im Westen. "Die Hochburg ist einnehmbar", schreibt La Stampa, als wäre sie schon umzingelt. Aber das Bild passt: Die Zeiten sind schon eine Weile her, da der sozialdemokratische Partito Democratico, Erbverwalter des PCI, die Toskana fest in der Hand hatte. Die Rechte hat nach und nach sechs Provinzhauptorte eingenommen: Arezzo, Siena, Grosseto, Pistoia, Massa Carrara und Pisa.

Diese Übernahme hatte mit Susanna Ceccardi begonnen. Sie war erst 29, das Jurastudium hatte sie abgebrochen, als sie 2016 die Wahl zur Bürgermeisterin von Cascina gewann, einer Stadt mit 46 000 Einwohnern in der Nähe von Pisa - früher immer links, antifaschistisch, typisch. Eine Sensation, der erste Riss in der Festung. Die Linke hatte sich mal wieder zerstritten, am Ende fehlten hundert Stimmen.

Drei Jahre regierte Ceccardi, bevor sie ins Europaparlament gewählt wurde. Eingetragene Partnerschaften für homosexuelle Paare? Mochte sie als Bürgermeisterin nie unterzeichnen. "Ich bin nun mal Katholikin", sagte sie kürzlich in einem Interview, das Protokoll delegierte sie immer nach unten. Plötzlich hörte man auch in Cascina fremdenfeindliche, hetzerische Töne gegen Einwanderer und Minderheiten, aus dem Rathaus. Ceccardi deklinierte den ganzen Diskurs der Lega. Der stand so quer zu den Traditionen in der Gegend, dass er manchen wie eine Alternative vorkommen musste - besonders in den Arbeiterschichten, bei den vergessenen Verlierern der Globalisierung, der früheren Wahlklientel der Linken. Einmal ließ sich Ceccardi mit einer Pistole im Schießstand filmen: "Jede Verteidigung ist Notwehr", sagte sie dazu, so müsse sie das Schießen lernen. Auch das ist ein Paradesatz aus dem Repertoire von Matteo Salvini, dem Chef der Lega.

Die beiden mögen sich. Ceccardi ist die große Wette des italienischen Oppositionschefs bei diesen Regionalwahlen, der Versuch eines Comebacks. Im Wahlkampf gibt sie sich etwas moderater, um die Wähler in der Mitte nicht zu verschrecken. Gewinnt sie, kann Salvini seine Führungsrolle vielleicht wieder etwas stärken. Die hat seit dem selbst verschuldeten Machtsturz im Sommer 2019 stark gelitten. Nichts lief mehr rund. Seine Auseinandersetzungen mit der Justiz, die Kritik anderer Parteigranden an seiner Führung, der erratische Kurs während der akuten Phase der Pandemie - in Umfragen zur Wählergunst der Italiener schrumpfte die rechtspopulistische Lega in einem halben Jahr um etwa zehn Prozent. Sie bleibt stärkste Partei im Land, aber nur noch knapp. Und im rechten Lager verschiebt sich die Macht gerade immer mehr zu Gunsten von Giorgia Meloni, der Chefin der postfaschistischen Fratelli d'Italia. Meloni könnte mit ihren Kandidaten bei den Wahlen gleich zwei Regionen gewinnen: Marken und Apulien.

Auch darum wäre für Salvini ein Sieg der "Löwin" in der Toskana so wichtig. Manche Politologen meinen gar, Salvini riskiere die Parteileitung. Im Norden Italiens, wo die Parteibasis seine nationale und nationalistische Strategie nie leiden konnte und still der alten Lega Nord nachtrauert, hoffen viele bei den Wahlen auf einen satten Erfolg von Luca Zaia, dem Gouverneur des Veneto und Salvinis Parteirivalen. Wiedergewählt wird Zaia bestimmt, die Frage ist nur, ob eher mit siebzig oder eher mit achtzig Prozent der Stimmen - so populär ist der frühere Landwirtschaftsminister. Es wäre bereits sein drittes Mandat. Interessant wird auch sein, ob seine persönliche Wahlliste mehr Stimmen gewinnt als die der Lega. Das wäre ein Misstrauensvotum gegen Salvini. Zaia, 52, gilt vielen als möglicher Nachfolger. Man spürt Salvini die Nervosität an. Aber eben: Gewinnt Ceccardi, verziehen sich die Wolken fürs Erste.

Für den Partito Democratico und Matteo Renzis Partei Italia Viva tritt Eugenio Giani an, er ist 61, Florentiner und Präsident des toskanischen Regionsparlaments. Seine politische Karriere hat der Anwalt in Regierungen und Räten der Region zugebracht, als Netzwerker alter Schule. Es gab Zeiten, da hastete er an einem Abend zu drei verschiedenen Essen, damit sich ja kein Verein, keine Hochzeitsgemeinde, keine örtliche Feuerwehr vernachlässigt fühlte.

Die Toskaner fühlen sich gut regiert, aber reicht das am Ende aus?

Man sagt von Giani, er sei eine "brava persona", ein netter Mensch. In der Politik ist das selten sehr nett gemeint. Er gilt als Langweiler, er hat wenig Charisma, er ist die wandelnde Antithese zu Ceccardi. Die neckte ihn im Wahlkampf so lange mit seinem Alter ("Als ich drei Jahre alt war, sass Giani schon im Stadtrat von Florenz"), dass er in den sozialen Medien Video postete, wie er agil in den Fluss Arno springt. Immerhin war Giani nie in einen Skandal verwickelt, und das ist schon allerhand. Die toskanische Linke hat viel Zustimmung wegen diverser Skandalen verloren, etwa der unrühmlichen Affäre um die älteste Bank Europas, der Monte dei Paschi aus Siena, die plötzlich am Rand der Pleite stand. In der Region waren Parteien und Wirtschaft so stark verstrickt, dass sich mit der Zeit korrupte Krusten bildeten.

Und doch: 63 Prozent der Toskaner sagen, ihre Region werde gut bis sehr gut verwaltet. Das Lebensniveau ist hoch, die öffentlichen Einrichtungen funktionieren bestens. In der Pandemie zeigte sich wieder, dass das toskanische Gesundheitswesen zu den besten des Landes gehört.

Eng wird das Rennen nur, weil die Lega lauter brüllt. Und das mit einer Löwin. Sollte die Linke die Toskana tatsächlich verlieren, gäbe es auch in Rom Streit. Die Cinque Stelle, die im Bündnis mit den Sozialdemokraten und mit Italia Viva das Land regieren, mochten sich nicht hinter Giani scharen. Sie gehen stattdessen mit einer eigenen, chancenlosen Kandidatin in die Wahl. Obschon sie um die Gefahr wussten. Ein paar Stimmen könnten entscheiden, wieder einmal, und die alte Festung wäre geschleift.

© SZ vom 19.09.2020

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