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Kritik an Italiens Corona-Politik:Schrittchen, wo Schritte nötig wären

Passanten vor dem Mailänder Dom.

(Foto: Antonio Calanni/AP)

In Teilen Italiens steigen die Corona-Infektionszahlen wieder rasant. Ministerpräsident Conte setzt aber vor allem auf lokale Gegenmaßnahmen - und erntet dafür scharfe Kritik.

Von Oliver Meiler, Rom

Die Angst ist zurück, und zwar mit Macht, überall in Italien. In der norditalienischen Lombardei haben die Regionalverwaltung und alle Bürgermeister nach dem jüngsten Anschwellen der Infektionszahlen gemeinsam beschlossen, die Zentralregierung in Rom um die Verhängung einer Ausgangssperre zu bitten: von 23 bis 5 Uhr in der Früh. Der Bitte wurde stattgegeben, es ist wohl nur die erste einer Serie. Auch andere Regionen fragen sich, wie sie über den Winter kommen, etwa Kampanien und Latium, respektive die Regionen um Neapel und Rom.

Seit Kurzem nehmen die Ansteckungen national um etwa 10 000 pro Tag zu, der größte Teil der Neuinfektionen entfällt aber auf die drei größten Metropolen. Natürlich liegt das auch an der gestiegenen Zahl der Tests, es sind jetzt meist täglich um 150 000. Doch die Positivitätsrate liegt nun bei 9,4 Prozent. Auch die Inzidenz pro 100 000 Einwohner nimmt deutlich zu, vor allem in Mailand.

Ziel der Lombarden ist es nun, auch jenes Volk noch von den Straßen und Plätzen zu holen, das trotz schneller Verschlechterung der Lage noch immer nicht zu Sinnen kommt. In den vergangenen Tagen konnte man etwa an den Mailänder Navigli, den liebsten Flaniermeilen der Stadt, viele junge Menschen auch nach amtlich verordneter Schließung der Bars und Pubs noch mit mitgeführtem Alkohol sehen. Die Italiener gebrauchen für diese Art des eher anarchischen, oft feuchtfrohen und lauten Ausgehens das spanische Wort "movida". Nun, man kann sie sich nicht mehr leisten.

Alarm schlug die regionale Expertenkommission, nachdem in den vergangenen Tagen die Zahlen vor allem in den Städten Mailand, Monza und Varese sprungartig gestiegen waren. Die Infektionsherde haben sich schnell so stark multipliziert, dass eine Nachverfolgung der Kontakte nicht mehr möglich ist. Nun befürchtet man, dass die Lage in den Krankenhäusern außer Kontrolle gerät, wie schon in der akuten Phase der ersten Welle im Frühling.

Beim derzeitigen Verlauf der Seuche könnten in der Lombardei bereits Ende Oktober 4000 Menschen mit Covid-19 hospitalisiert sein, sagen die Experten - mit 600 Patienten auf Intensivstationen. Im Moment sind es 113. In diesen Tagen soll deshalb auch das mit privatem Geld errichtete Ad-hoc-Hospital auf dem Gelände der alten Messe aktiviert werden. Es war im Frühjahr kaum genutzt worden, damals gab es sogar Diskussionen darüber, ob der ganze Aufwand für seinen Bau überhaupt gerechtfertigt war. Nun sind wieder alle froh um die zusätzlichen Kapazitäten.

Die Zahl der Intensivbetten im Land ist insgesamt verdoppelt worden. Aber die Italiener wissen aus Erfahrung, wie schnell es gehen kann, und plötzlich sind alle Betten belegt. In gewissen Krankenhäusern werden bereits Patienten abgewiesen, die nicht sehr dringend behandelt werden müssen.

Das Solo der Lombardei folgt auf die jüngste Verschärfung der Maßnahmen der Regierung von Premier Giuseppe Conte, die von vielen als "zu soft" kritisiert worden sind - selbst von seinen Koalitionspartnern, den Sozialdemokraten des Partito Democratico.

Schrittchen statt Schritte, lautet der Vorwurf an Conte

In seinem neuen Dekret verzichtete Conte nämlich überraschend darauf, eine nächtliche Ausgehsperre für ganz Italien einzuführen nach dem Beispiel Frankreichs; etwas weniger lang als im Nachbarland, ab 22 statt 21 Uhr, so war es vorgesehen. Stattdessen lud er die Bürgermeister dazu ein, lokal zu entscheiden, was diese da und dort für eine unzulässige Flucht vor der Verantwortung empfanden.

Conte war ja bisher bekannt dafür, dass er immer recht entschlossen agierte. Nun wirft man ihm vor, Schrittchen zu machen, wo große Schritte nötig wären. Offenbar war der Widerstand der Wirtschaft und besonders der Gastbetriebe gegen landesweite Verfügungen groß gewesen. Italien könne sich keinen zweiten Lockdown leisten, sagte Conte bei der Vorstellung des neuen Plans. Überhaupt: Das Wort Lockdown wolle er nicht mehr hören.

Wie lange wohl? Zunächst versucht die Regierung, die Lage mit wenig invasiven Methoden unter Kontrolle zu bekommen: mit mehr Home-Office, Onlineunterricht an den Universitäten und gestaffeltem Schulbeginn für die unteren Stufen, um den öffentlichen Verkehr zu Stoßzeiten zu entlasten.

Verboten sind nun auch Kontaktsportarten für Amateure. Masken tragen die Italiener schon länger auch im Freien, Tag und Nacht. Großveranstaltungen unter freiem Himmel sind bereits auf tausend Zuschauer beschränkt, in den Hallen auf 200. Doch wenn in zwei Wochen keine Besserung spürbar ist, kann man den Ohren des Premiers wohl auch das Wort Lockdown nicht mehr ersparen, in der einen oder anderen Form.

© SZ
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