Italiens Bildungsmisere ist nicht nur Dauerthema im Land selbst, sie beschäftigt auch Experten im übrigen Europa. Die Schulausbildung ist an vielen Orten schlecht, es fehlen Lehrerinnen und Lehrer, es wird zu wenig in Schulen investiert. Eine Million Kinder leben in Italien in Armut, ein Problem, das vor allem den Süden betrifft – und sich dort stark in Bildungsbrüchen zeigt. In den Vorstädten von Neapel brechen dem römischen Wirtschaftsprofessor Carlo Bastasin zufolge 50 bis 60 Prozent der Schüler nach nur acht Jahren die Schule ab. Auch in der Ausbildung und beim Berufseinstieg gibt es viele Defizite, man spricht von einer „vergessenen Generation“.
Eine besorgniserregende Diagnose, denn Bildung gilt als zentrales Element, um erfolgreich am Arbeitsmarkt und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Ein gutes, gerechtes Bildungssystem kann wesentlich dazu beitragen, Chancenungleichheit zu verringern und soziale Mobilität zu fördern – und so die Wirtschaftskraft eines Landes und seinen Wohlstand zu fördern. Doch viele europäische Staaten stehen seit Jahren unter massivem Spardruck. Wie sich staatliche Sparmaßnahmen auf die schulischen Leistungen auswirken, haben nun Wissenschaftlerinnen des Münchner Ifo-Instituts am Beispiel von Italien untersucht. Was sie herausgefunden haben, verrät schon der Titel der Ifo-Studie: Staatliche Ausgabenkürzungen schaden den Schülerleistungen.
Nationale Folgen des Stabilitäts- und Wachstumspakts der EU
Die Forscherinnen Vera Freundl und Caterina Pavese haben gemeinsam mit der Universität Lausanne einen langen Zeitraum ausgewertet. Dabei geht es um Auswirkungen des nationalen Stabilitätspakts (PSI), der 1999 im Zuge des Stabilitäts- und Wachstumspakts der EU in Italien eingeführt wurde. Die Wissenschaftlerinnen kombinierten die gesetzlichen Sparvorgaben mit detaillierten Informationen über kommunale Ausgaben sowie landesweiten Daten über die Leistungen von Grundschulkindern im Zeitraum 2010 bis 2017.
In Italien obliegt den Kommunen die Finanzierung vieler Leistungen, die für die Entwicklung von Kindern wichtig sind. Städte und Gemeinden investieren einen großen Teil ihres Haushalts in die Unterstützung der Schulen, sind verantwortlich für den Bau und die Renovierung von Gebäuden, für Schulmahlzeiten, Transportmittel, Unterrichtsmaterialien. Auf die nationale Ebene entfallen die Einstellung und Bezahlung von Lehrkräften sowie die Festlegung der Rahmenbedingungen wie Mindestbildungsstandards, Qualitätssicherung und Klassenzusammensetzungen.
Ohnehin benachteiligte Kinder trifft es am meisten
Die Ausgabenkürzungen infolge des Stabilitätspakts hätten ganz klar dazu geführt, dass in Italien weniger Geld für Schulen vorhanden gewesen sei, heißt es in der Studie. Demnach gibt der Staat auf kommunaler Ebene pro Kind, von der Geburt bis zur 5. Klasse, durchschnittlich 67 253 Euro aus, von diesen fielen durch die Kürzungen 5130 Euro weg. Die Schulversorgung habe sich dadurch verschlechtert, was insbesondere die Schulkinder stärker getroffen habe, die ohnehin benachteiligt sind, weil sie zu Hause weniger Förderung erfahren. Sparmaßnahmen könnten also „bestehende Ungleichheiten weiter verschärfen“, schreiben die Forscherinnen.
Haben die Kommunen weniger Geld, gehe das zulasten der Schulausstattung, etwa der Labore, Bibliotheken und Turnhallen. Das wirke sich nachweislich in allen Bereichen negativ auf die Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler aus, analysieren Freundl und Pavese. Besonders genau haben sie die Daten für Lesen und Mathematik ausgewertet. Beim Lesen gingen die Leistungen der Grundschüler unter den Sparmaßnahmen um 4,6 Prozent zurück, in Mathematik um 5,1 Prozent.
Allerdings sind für den Leistungsrückgang nicht allein die staatlichen Kürzungen verantwortlich. Die Studie stellt heraus, dass sich die negativen Effekte ausschließlich in Schulen zeigen, die von wenig kompetenten Schulleitungen geführt werden. Es kommt also auf die Ausbildung und die Kompetenz der Leitung an, wie sich Sparmaßnahmen auswirken. Wer in der Lage ist, geringere Mittel besser zu verteilen und mit den Vorgaben der Schulbehörden kreativer umzugehen, der kann dem Sparzwang offenbar die Stirn bieten.
