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Aboubakar Soumahoro:Der Vorkämpfer der italienischen Landarbeiter

Italien, Aboubakar Soumahoro protestiert mit Hungerstreik in Rom für die Rechte von Migranten  Italy: Aboubakar Soumahor

Aboubakar Soumahoro protestiert mit Hungerstreik in Rom für die Rechte von Migranten.

(Foto: imago images/Pacific Press Agenc)

Aboubakar Soumahoro setzt sich für die Rechte der Tagelöhner ein. Der Gewerkschafter und Soziologe weiß selbst, wie sich es anfühlt, unterbezahlt und ausgebeutet zu werden.

Von Francesca Polistina

Wenn die Landarbeiter in Italien protestieren, etwa für mehr Rechte und bessere Arbeitsbedingungen, steht Aboubakar Soumahoro in der ersten Reihe. Zuletzt tat er das am Dienstag, wenige Tage nachdem drei migrantische Arbeiter gestorben waren. Soumahoro kettete sich vor der römischen Villa Pamphilj an, wo Premier Giuseppe Conte und einige Experten über den Wiederaufbau beraten.

Er wollte damit gegen die Pläne der Regierung zur Bekämpfung der Corona-Krise demonstrieren. Demnach sollen Arbeiter ohne gültige Papiere, die in ausgewählten Branchen wie der Agrarwirtschaft und den Haushalten arbeiten, legalisiert werden. Für ihn ist das nicht genug. Er fordert, dass alle Einwanderer Rechte und Zugang zum Gesundheitssystem bekommen. Nicht die Logik des Marktes, sondern die soziale Gerechtigkeit solle die Politik lenken. Insbesondere in Zeiten der Pandemie.

Der 40 Jahre alte Soumahoro ist ein italienischer Gewerkschafter der Unione Sindacale di Base und Soziologe. Er setzt sich seit Jahren für die Landarbeiter ein und kämpft schon lange gegen den caporalato, eine illegale Form der Arbeitsvermittlung, die besonders in der Agrarwirtschaft verbreitet ist. Dort werden Billigarbeiter von sogenannten caporali rekrutiert, die jeden Morgen und ohne vertragliche Basis entscheiden, wer wo und unter welchen Bedingungen arbeiten darf.

"Sie machen sich den Rücken kaputt, und was sie finden, ist nur Elend"

Die Landarbeiter sind Italiener sowie Migranten, sie pflücken Tomaten oder stechen Spargel für weniger als vier Euro die Stunde - für zehn, manchmal zwölf oder mehr Stunden am Tag. "Sie machen sich den Rücken kaputt, und was sie finden, ist nur Elend", sagt Soumahoro. Er weiß, wie es sich anfühlt, unterbezahlt und ausgebeutet zu werden, denn er war selber einer von ihnen.

1999, im Alter von 19 Jahren, kam Soumahoro nach Italien, von dem Land hatte er schon in seiner Heimat, der Elfenbeinküste, geträumt. Was er hingegen fand, war eine stromlose und überfüllte Wohnung. Mangels einer beruflichen Perspektive arbeitete er als Tagelöhner - mal als Landarbeiter, mal in Tankstellen oder als Maurer. In seinem Buch "Menschheit im Aufstand", das vergangenes Jahr in Italien erschienen ist, schreibt er, er habe sich zunächst wie in einer Sackgasse gefühlt. Zum Beispiel, nachdem ihm am Ende eines langen Arbeitstages ein caporale versprochen hatte, für immer bei ihm arbeiten zu dürfen. Soumahoro freute sich, er lud seine Freunde auf eine Pizza ein. Am Tag danach bekam er weder die versprochene Arbeit noch das Geld - vom caporale fehlt bis heute jede Spur.

In einem Einwanderungsland wie Italien, das sich schwertut, sich auch als Einwanderungsland zu begreifen, ist Soumahoro einer der wenigen Schwarzen, die medial präsent sind. Über die Kämpfe der Landarbeiter konnte er in vielen wichtigen Fernsehsendern sprechen, das Wochenmagazin L'Espresso widmete ihm ein Titelblatt, auf dem er neben dem Lega-Chef Matteo Salvini stand, quasi als Gegensatz. Wenn er Reden hält, erwähnt er häufig sein Vorbild, den italienischen Gewerkschaftler Giuseppe di Vittorio, und zitiert Nelson Mandela, Primo Levi oder Hannah Arendt. In einem Video-Appell gegen Rassismus, den er nach dem Mord an George Floyd veröffentlichte, sieht man im Hintergrund gefüllte Bücherregale - ganz vorne "Die Herkunft der anderen" der afroamerikanischen Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison, in dem es unter anderem um Alltagsrassismus geht.

Von vielen wird Soumahoro, der sich selbst als "gewerkschaftlicher und gesellschaftlicher Aktivist" bezeichnet, als Symbol für den Kampf der Landarbeiter betrachtet. Über sich selbst redet er aber ungern. Er sagt, es gehe nicht um seine Geschichte, sondern um die wirklich wichtigen Dinge. Etwa darum, dass die "Übermacht der Supermarktketten" die Agrarbranche erdrücke; oder dass viele Arbeiter "unsichtbar" bleiben, ohne die minimalsten Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus.

© SZ vom 19.06.2020

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