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Istanbul:Anschlag in Istanbul: Grausam und gnadenlos

"Nirgendwo seid ihr sicher": 600 Gäste feiern im luxuriösen "Reina", als ein Mann den Club am Bosporus betritt und um sich schießt. Er trifft das Zentrum von Istanbuls ausschweifenden Vergnügungen.

Links neben dem Eingang vom Nachtclub Reina dreht sich ein großer Weihnachtsbaum. Er besteht nur aus großen, angeleuchteten Kugeln. Der Baum dreht sich und dreht sich. Er hört erst auf, als jemand den Stecker zieht - als dieser (immer nur nachts) so grelle, flirrende Platz direkt am Bosporus, der vielleicht der dekadenteste Ort Istanbuls ist, sich in einen blutigen Tatort verwandelt.

Der Täter, so beschreibt es gegen drei Uhr am Morgen Vasip Şahin, der Gouverneur von Istanbul, sei "grausam und gnadenlos" vorgegangen. Überwachungskameras haben sein zerstörerisches Werk aufgezeichnet. Es zeigt, wie sich eine Person schnell dem Reina nähert. Sie scheint einen Rucksack zu tragen und hält ein Gewehr in den Händen. Der Angreifer läuft und schießt sich gleichzeitig regelrecht den Weg frei. Zwei Menschen sterben draußen vor der Tür, einer davon ist nach Behördenangaben ein junger Polizist, Burak Yıldız, 21 Jahre alt. Er ist im Einsatz in dieser Nacht wie etwa 25 000 Kollegen, weil die Stadt schon fürchtete, dass Schlimmes passieren könnte.

Einige Gäste versuchten, sich mit einem Sprung in den eiskalten Bosporus in Sicherheit zu bringen

Der Täter ist aber noch nicht fertig. Er dringt in den Club ein, er geht die paar Treppenstufen hinunter zum Uferbereich, einen Korridor entlang bis zur Tanzfläche. Und dort vollendet er sein menschenverachtendes Verbrechen. Am Ende dieser Nacht sind fast 40 Männer und Frauen tot und Dutzende weitere teils schwer verletzt. Der Angreifer: auf der Flucht. Es ist also noch nicht vorbei.

Türkei Reina, Symbol für Reichtum und Dekadenz
Terrorismus

Reina, Symbol für Reichtum und Dekadenz

Die Schüsse in der Silvesternacht treffen Istanbul in seinem Herzen als internationale, lebensfrohe Metropole. Denn das Reina war nicht irgendein Klub.   Von Barbara Vorsamer

Dieses Mal hat es die Feiernden, die Fröhlichen getroffen. Leute, die sich hübsch gemacht haben fürs neue Jahr. Die sich eine Stunde und 15 Minuten zuvor noch in die Arme genommen hatten und Mutlu Yillar zuriefen: frohes Neues. Küsschen hier, Küsschen da. Anstoßen mit Schampus. Im Club Reina gehört es dazu, so zu tun, als ob Geld keine Rolle spielt.

Es ist auch ein Ort für Weltbürger und Weltenbummler. Unter den Todesopfern sind offenbar mindestens sieben Bürger aus Saudi-Arabien, vier Iraker, zwei Inder, zwei Tunesier und jeweils ein Opfer aus Kanada, Jordanien, Syrien, Israel, Libanon und Belgien und Frankreich.

2016 war ein so blutiges Jahr für die Türkei, auch für Istanbul. Im ganzen Land kamen Hunderte allein durch Terroranschläge ums Leben. Und im Sommer erschütterte ein Putschversuch das Land. Kann ja nur besser werden, das Jahr 2017, oder? Es muss doch! Was für ein Irrtum.

Das neue Jahr ist nicht einmal zwei Stunden alt und schon klebt wieder Blut an ihm.

In besseren Jahren berichteten die Medien in den ersten Neujahrsstunden über die Neugeborenen um Mitternacht. Jetzt berichten sie in Sondersendungen über die Toten, sie zeigen Bilder von Blaulicht und Partygästen in hautengen, dünnen Kleidchen, die auf wackeligen Beinen und wie verloren mitten auf der Straße vor dem Club stehen. Dazu das schaurige Konzert aus Sirenen, dass sich das Land viel zu oft schon anhören musste.

War es ein Terrorakt? Der Gouverneur bezeichnet als erster das Verbrechen als einen solchen. Aber viel wissen die Behörden zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Ein Mitarbeiter des Reina erzählt Journalisten später: "Auf einmal herrschte überall Panik." Einige Gäste versuchten, sich mit einem Sprung in den eiskalten Bosporus vor dem Schützen in Sicherheit zu bringen. Der Mitarbeiter suchte sich drinnen ein Versteck. Etwa 600 Gäste sollen sich zum Zeitpunkt der Attacke im Club befunden haben. Darunter war auch Sinem Uyanık, sie feierte mit ihrem Mann. "Wir hatten uns amüsiert." Dann seien die Schüsse gefallen. "Die Menschen fingen an, hin und her zu laufen. Mein Mann sagte zu mir: Hab' keine Angst." Sie warfen sich auf den Boden. Er habe sie zu schützen versucht und sei dann dreimal von Kugeln getroffen worden. Die Frau habe das Bewusstsein verloren, und als sie wieder zu sich gekommen sei, habe sie ihren Mann im Blut liegen sehen. "Es war furchtbar."

Sefa Boydaş, Profifußballer vom Istanbuler Klub Beylerbeyi, erzählt, dass mehrere Frauen in Ohnmacht gefallen seien, auch eine seiner Begleiterinnen. "Ich habe sie auf den Rücken genommen und bin sofort gerannt. In solchen Momenten wartet man nicht. Links waren Schüsse zu hören, also rannten wir nach rechts."

Angeblich hatten amerikanische Geheimdienste vor einem Angriff gewarnt

Ein Reporter der Zeitung Hürriyet erreichte den Clubbesitzer, Mehmet Koçarslan. Amerikanische Geheimdienste hätten eine Woche vor Silvester vor einem solchen Angriff gewarnt, erzählt dieser. Der Club hätte deshalb Sicherheitsmaßnahmen getroffen. Dem Täter gelang es dennoch, bis ins Innere vorzudringen und ein Blutbad anzurichten. Anfangs war die Rede von mehreren Angreifern. Später heißt es, es könnte sich nur um einen Schützen handeln.

Bekannt hat sich zunächst niemand zu der Tat. Der Handschrift nach deutet das Verbrechen - wenn es einen terroristischen Hintergrund hat - eher auf den sogenannten Islamischen Staat hin als auf kurdische Extremisten. Beide Gruppen haben die Türkei seit anderthalb Jahren ins Visier genommen. Fröhlich Feiernde passen nicht ins Weltbild der Islamisten, für die es nicht der erste Anschlag dieser Art wäre.

Die Botschaft von Staatspräsident Erdoğan am Morgen danach klingt seltsam hohl

Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan meldet sich am Morgen danach zu Wort. Seine Botschaft klingt seltsam hohl: Die Türkei werde alles tun, um "die Sicherheit und den Frieden ihrer Bürger zu gewährleisten". Es ist gerade einmal drei Wochen her, dass bei einem Anschlag am Beşiktaş-Stadion fast 50 Menschen ums Leben kamen, als ein Ableger der kurdischen PKK zwei Bomben zündete. Erdoğan sagt, das Ziel der Angreifer sei, "Chaos zu stiften".

Es geht aber vor allem um: Angst.

Am Sonntag telefonieren die Leute, die das Reina gut kennen. Ein Ort voll von verschwenderischer Schönheit und großem Protz. Blick auf die Sterne und die mächtige Bosporusbrücke. Wer es sich leisten kann, kommt mit dem eigenen Schiff. Ein früherer Reina-Clubgänger sagt: "Die Angreifer wollen zeigen: Nirgendwo seid ihr sicher.

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Es hätte New York treffen können, Berlin, Paris - es traf diesmal Istanbul. Die Hoffnung, dass 2017 besser wird als 2016, verfliegt am ersten Tag. Die Angst ist wieder da. Das ist die perverse Logik des Terrors.   Kommentar von Stefan Ulrich

Bleibt lieber zu Hause!" Das Reina ist mehr als nur ein Nachtclub. Es war zum Symbol für die aufsteigende Metropole Istanbuls geworden. Zum pulsierenden Beleg: Cooles Nachtleben gibt es auch in der Türkei. Es gab eine Zeit, da hatte das Reina seinen sicheren Platz in den Klatschspalten der türkischen Blätter. Der Ort übte eine unglaubliche Anziehungskraft aus. Vor etlichen Jahren kamen vier feiernde Studenten ums Leben, als sie sich mit einem Boot der Bar näherten. Ein anderes Schiff rammte das kleine Boot, das auf der Suche nach der ganz großen Party war. Das waren die Tragödien von früher.