Israels "Operation Opera" im Jahr 1981:"Wir mussten handeln, um unser Volk zu retten.“

Die Führung in Teheran dürfte also hinlänglich gewarnt sein. Syrien ist der engste Verbündete des Mullah-Regimes, doch vor allem die Geschichte rund um das irakische Streben nach Atomwaffen weist zahlreiche Parallelen auf zum iranischen Fall: Seit die Iraker Mitte der siebziger Jahre in Frankreich einen Atomreaktor bestellt hatten, versuchte Israel, zunächst mit diplomatischem Druck, die Lieferung zu verhindern. Als dies nichts fruchtete, folgte die Sabotage: 1979 ereignete sich eine schwere Explosion in einer Montagehalle in La Seyne-sur-Mer westlich von Toulon, kurz bevor der dort vorgefertigte Reaktor nach Irak geliefert werden sollte. Ein gutes Jahr später wurde in einem Pariser Hotel ein ägyptischer Kernphysiker ermordet aufgefunden, der in Diensten Saddam Husseins gestanden hatte.

Geheimnisvolle Explosionen und gezielte Morde - auch das klingt bekannt aus den jüngsten Iran-Meldungen. Als kleiner Treppenwitz der Weltgeschichte erscheint in diesem Zusammenhang noch der Versuch des israelischen Außenministers Jigal Allon, in Geheimgesprächen 1977 Iran, damals noch vom Schah regiert, zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen Iraks Atompläne zu gewinnen. Als das nichts fruchtete, entschied sich Premier Begin später zum Alleingang - und er setzte dabei auf die nagelneuen F-16, die gerade erst aus den USA geliefert worden waren. Eigentlich waren diese Maschinen für Iran bestimmt gewesen. Nach dem Sturz des Schahs durch die Islamische Revolution von Ayatollah Chomeini 1979 waren sie kurzerhand umgeleitet worden.

Gerechtfertigt wurde der Angriff auf Osirak von Regierungschef Begin mit all jenen Argumenten, die auch heute wieder die Debatten bestimmen: "Wir mussten handeln, um unser Volk zu retten", sagte er, "Saddam hätte nicht gezögert, mit drei oder vier Bomben den jüdischen Staat auszulöschen." Verwiesen wurde zudem auf den Zeitdruck, obwohl es auch damals im Sicherheitsapparat viele gab, die keine Dringlichkeit sahen, weil Irak noch viele Jahre von einer möglichen Bombe entfernt gewesen wäre. Doch Begin ließ sich durch nichts abbringen von seinem Kurs. "Er hat alles aus einem ideologischen Gefängnis heraus betrachtet", sagt Uri Bar-Joseph, "er hat immer nur an den Holocaust gedacht, genauso wie Netanjahu heute."

"Die Iraker haben ihre Bemühungen noch verstärkt, die Bombe zu kriegen"

Bar-Joseph ist Politik-Professor in Haifa, und er ist der einzige noch lebende der drei Autoren, die 1982 mit ihrem Buch "Zwei Minuten über Bagdad" den Osirak-Mythos befeuert hatten. Keine zehn Jahre später, so sagt er, sei Begin dann sogar von all denen im Westen gelobt worden, die ihn zunächst heftig kritisiert hatten. Denn nach Saddam Husseins Überfall auf Kuwait im August 1990 mochte sich niemand vorstellen, wie man einen atomar bewaffnetes Irak wieder hätte eindämmen können. "Bis heute ist es Konsens, dass Begin weise war und wir das Richtige getan haben", sagt Bar-Joseph. Nur er selber glaubt heute ganz und gar nicht mehr daran.

"Wir wussten damals nicht viel", sagt er, "aber wichtig ist, was wir heute wissen." Denn erst nach Saddams Sturz 2003 hätten irakische Atomwissenschaftler berichten können, was seinerzeit aus ihrer Sicht in Osirak passiert war und wie es weiterging in der Zeit danach. "Der Angriff hat die irakischen Atomanstrengungen nicht gestoppt", meint Bar-Joseph, "im Gegenteil: Die Iraker haben ihre Bemühungen noch verstärkt, die Bombe zu kriegen." Im Nachhinein hält er den Militärschlag und die daraus abgeleitete Begin-Doktrin für einen schweren Fehler - und all die Analogien für höchst gefährlich.

In Irak habe man wenigstens gewusst, dass die Mission militärisch machbar sei. "Iran ist eine ganz andere Geschichte", warnt er, "viel größer, viel weiter weg, viel komplizierter." Das Hauptproblem aber sei das gleiche: "Am Ende ist es sehr wahrscheinlich, dass Iran die Bombe bekommt." Mit einem Angriff würde Israel die iranischen Atom-Ambitionen nicht stoppen können, sondern am Ende noch befördern, glaubt der Professor aus Haifa. Und zugleich würde in Iran der Wunsch nach Rache wuchern, und er würde so schnell nicht verschwinden. "Die Gefahr, dass Iran die Bombe gegen Israel einsetzt, ist eigentlich gering", glaubt Uri Bar-Joseph, "aber sie steigt, wenn Israel zuerst angreift."

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