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Israels Luftangriffe auf Syrien:Bomben als Botschaft

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Deutliches Signal Israels: eine zerbombte Farm nahe Damaskus

(Foto: REUTERS)

Keine Zeit für lange Debatten: Die Luftangriffe auf Syrien sind nach israelischer Logik ein Akt der Selbstverteidigung. So konsequent das erscheint, so groß sind die Risiken einer Eskalation.

Ein Kommentar von Peter Münch, Tel Aviv

Donnerschläge über Damaskus, ein Inferno von Explosionen - Israel hat wieder einmal ein deutliches Signal seiner militärischen Stärke und Entschlossenheit ausgesandt. Als wäre der syrische Bürgerkrieg nicht ohnehin schon chaotisch genug, stürzt sich nun ausgerechnet auch noch der Erzfeind mit aller Gewalt ins Damaszener Getümmel.

Gedacht ist das zwar nicht als Einmischung in die Kämpfe zwischen den Truppen des Präsidenten Baschar al-Assad und den Rebellen, sondern einer alten israelischen Logik folgend als präventiver Akt der Selbstverteidigung: Zerstört wurden allen vorliegenden Informationen zufolge Raketen, die an die terroristische Hisbollah in Libanon weitergereicht werden sollten. Doch ohne Zweifel erhöht Israel mit der Einmischung im Nachbarland die Gefahr einer regionalen Eskalation.

Vorschnelle Verurteilungen allerdings sind in diesem Fall nicht angebracht. Denn Israel kann es sich tatsächlich nicht leisten, den Wirrnissen in Syrien auf Dauer tatenlos zuzusehen. In Washington und in den europäischen Hauptstädten mögen sie weiter bestürzt, aber nicht betroffen darüber diskutieren, wie dem Blutbad denn nun ein Ende bereitet werden könnte. Bislang hat die Abwägung aller Optionen von der Bewaffnung der Rebellen bis zur militärischen Intervention noch kein Ergebnis, aber auch noch keine für den fernen Westen spürbaren Folgen gezeitigt.

Doch im Nahen Osten erlauben schon die Distanzen keine allzu langen Debatten. Von Jerusalem bis nach Damaskus sind es gerade einmal 220 Kilometer - und alles, was in Syrien gerade passiert und noch mehr, was sich dort entwickelt, hat direkte Konsequenzen für Israel.

In den alten Assad-Zeiten war Syrien für Israel bedrohlich, aber berechenbar: als Kontrahent im Streit um die 1967 eroberten Golanhöhen, als Verbündeter Irans, als Schutzpatron der Hisbollah-Milizen. Allen Spannungen zum Trotz war es vierzig Jahre lang ruhig geblieben an dieser Front. Die Erschütterungen durch den Bürgerkrieg bringen nun allerdings ein ganzes Bündel an Gefahren ungeordnet an die Oberfläche.

Eine Antwort der Hisbollah ist zu erwarten

Syrien ist ein riesiges Waffenlager, bis hin zu verheerenden Chemiewaffen, aus dem sich in den Wirren nicht nur Israels alte Feinde von der Hisbollah bedienen können, sondern möglicherweise bald die in Syrien kämpfenden Al-Qaida-Anhänger.

In dieser Lage also sendet die Regierung in Jerusalem mit dem Bombardement eine Botschaft gleich an mehrere Adressaten. Die Hisbollah und die syrische Führung sind gewarnt, dass Israel jeden Waffentransfer verhindern will. Auch die Atomstrategen in Teheran sollen wissen, dass Israel bereit ist, zur Verteidigung seiner Interessen militärisch einzugreifen.

Israel schickt so auch ein klares Zeichen ins zögerliche Washington, wo Präsident Obama angesichts der Beweise für einen Chemiewaffen-Einsatz in Syrien zweifelnd an der von ihm gezogenen roten Linie verharrt: Die USA mögen leere Drohungen ausstoßen, Israel aber handelt.

So konsequent das erscheint, so groß sind die Risiken. Syrien ist nicht der Gazastreifen, wo ein Austausch von Raketenfeuer fast zur Rache-Routine geworden ist. Zwar ist die Gefahr einer direkten syrischen Antwort trotz des Geredes von einer "israelischen Kriegserklärung" relativ gering, dazu hat Assad schlicht zu viele andere Sorgen. Doch angeheizt von den iranischen Hintermännern ist eine Antwort der Hisbollah zu erwarten, die seit dem Krieg von 2006 mächtig aufgerüstet und wieder 60.000 Raketen auf Israel gerichtet hat.

Die Zeit drängt. Nach zwei Jahren des hilflosen Zuschauens muss die internationale Gemeinschaft ein schlüssiges Konzept für Syrien vorlegen. Wenn der Bürgerkrieg erst einmal die Grenzen überschritten hat, ist es dafür zu spät.

© SZ vom 06.05.2013/fran
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