Süddeutsche Zeitung

Israels "Hannibal-Protokoll":Besser ein toter Soldat als ein entführter Soldat?

Der Gaza-Krieg scheint vorerst zu Ende, die Debatte hält an. Israelische Offiziere sollen verhindern, dass ihre Soldaten entführt werden - mit allen Mitteln. Die Verschleppten freizupressen, fordert aus Sicht der Armee einen viel höheren Preis.

Wo ist Hadar Goldin? Diese Frage hat in der vergangenen Woche zu einem groß angelegten Einsatz der israelischen Armee im Gazastreifen geführt. Ganze Truppenformationen durchkämmten im südlichen Gazastreifen Häuser und verdächtige Orte nach dem 23-jährigen israelischen Leutnant, der von der Hamas entführt worden sein soll. Ob er zu diesem Zeitpunkt noch lebte? In dem Artilleriefeuer, das den Suchenden Deckung geben sollte, starben mehr als hundert Palästinenser.

Die israelische Armee wollte Hadar Goldin um jeden Preis finden - denn ein Soldat in den Händen des Feindes macht erpressbar. Um das zu vermeiden, hatte Israels Armee Mitte der achtziger Jahre das sogenannte "Hannibal-Protokoll" eingeführt: eine Direktive, nach der Offiziere aufgefordert sind, eine Entführung ihrer untergebenen Soldaten "mit allen Mitteln" zu vereiteln. Auch wenn dabei das Leben des Verschleppten gefährdet wird.

Die Journalistin Sara Leibovich-Dar machte diese Strategie 2003 in der Zeitung Haaretz in allen Details öffentlich. Zuvor gab es nur Gerüchte um die umstrittene Anweisung, die nach der Entführung zweier Soldaten in den 1980er Jahren im Libanon durch Hisbollah-Milizen erarbeitet wurde.

Yossi Peled, der heute für die Likud-Partei in der Knesset sitzt, war damals, 1986, als israelischer Offizier an der Entwicklung der Strategie beteiligt. Leibovich-Dar fragte ihn, wie weit er gehen würde, um die Entführung eines Soldaten zu verhindern. Peleds Antwort macht deutlich, was sich hinter der Formulierung "mit allen Mitteln" steckt: "Ich würde keine Bombe auf das Fahrzeug abwerfen (in dem sich der Entführte befindet; Anm. d. Red.), aber ich würde mit dem Panzer ein großes Loch hineinschießen. Das macht es für jeden möglich, der nicht direkt getroffen wurde, rauszukommen. Vorausgesetzt, das Fahrzeug explodiert nicht."

"Ich würde keine Bombe auf das Fahrzeug abwerfen"

Die Einführung des "Hannibal-Protokolls" in den 1980er Jahren sorgte in der Armee für Aufruhr. Die Befehlshaber sahen sich mit der schwierigen Aufgabe konfrontiert, ihren Untergebenen klarzumachen, dass aus Sicht der Armee ein toter Soldat besser sei als ein entführter Soldat. Mindestens ein Kommandeur soll sich geweigert haben, die Direktive an seine Einheit weiterzugeben. Doch Haaretz zufolge akzeptierten viele Soldaten die Anweisung. "Ich finde es in Ordnung, wenn Soldaten das Feuer auf die Terroristen eröffnen. Sollten sie mich dabei treffen, wäre das gut für mich, denn ich will die Erfahrung einer Entführung nicht machen", wird ein ehemaliger Soldat zitiert.

Zum ersten Mal angewendet wurde das "Hannibal-Protokoll" im Jahr 2000. In der Nähe der libanesischen Grenze wurden drei israelische Soldaten von Hisbollah-Kämpfern entführt. Daraufhin schickte die israelische Armee Kampfhubschrauber los, die auf 26 Fahrzeuge schossen, in denen die Entführten vermutet wurden. "Ich wusste, sie würden meinen Sohn töten", sagte der Vater einer der Entführten im Nachhinein. Später wurde bekannt, dass es die Entführer waren, die die drei israelischen Soldaten umbrachten.

Ein riesiger Erfolg für die Hamas

Wegen der heftigen Kritik von Armee und Öffentlichkeit wurde das "Hannibal-Protokoll" über mehrere Jahre ausgesetzt. Doch dann wurde 2006 der israelische Soldat Gilad Schalit von Kämpfern der Hamas entführt. Die Armee startete eine Militäroffensive im Gazastreifen. Schilat blieb bis 2011 in den Händen der Hamas, bis sich die israelische Regierung auf einen Deal einließ und 1027 palästinensische Gefangene gegen ihn austauschte. Es war ein riesiger Erfolg für die Hamas. ( Hier finden Sie ein Interview mit Schalit über seine Gefangenschaft)

Nach Schalits Befreiung wurde das "Hannibal-Protokoll" - angeblich in abgeschwächter Form - wieder eingeführt. Doch manche Befehlshaber verbreiten ihre ganz eigene Interpretation der Direktive unter den Soldaten. Im Oktober 2011 tauchte in den israelischen Medien ein Video von einem Kommandeur auf, der seine Soldaten dazu auffordert, sich mit einer Granate selbst in die Luft zu sprengen, sollten sie verschleppt werden. Auf diese Weise würden sie ihre Entführer gleich mit töten.

Und Hadar Goldin? Nach fast zweitägiger Suche meldete die israelische Armee, der 23-Jährige sei bei einem Gefecht in Gaza getötet worden. Mittlerweile hat ihn seine Familie beigesetzt.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2077408
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
Süddeutsche.de/beitz
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.