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Israels Ex-Präsident:Blick stets aufs Morgen gerichtet

Doch trotz der vielen Niederlagen im israelischen Politikbetrieb, Peres blieb ihm bis zuletzt treu. Er kannte ja auch nichts anderes als die Politik. Mit 16 Jahren trat er der Arbeitspartei bei, sieben Jahrzehnte lang war er der Diener des Staates Israel in abenteuerlich vielen Funktionen, wobei das Wort "dienen" von ihm stammt. Zuletzt hatte er es bei seiner Wahl zum Staatspräsidenten gebraucht und gesagt: "Es ist vermutlich der letzte Dienst, den ich Israel erweisen werde." Peres war der dienstälteste Präsident der Welt und auch der älteste Präsident des jüdischen Staates überhaupt. Bei seiner Wahl im Sommer 2007 war er bereits fast 84 Jahre alt.

In den vergangenen Jahrzehnten war Peres Gewerkschaftsfunktionär, mehrfach Außen- und Verteidigungsminister, zweimal offiziell Premierminister und bis zu seinem Amt als Staatspräsident Vize-Regierungschef - doch eine Wahl gewonnen hat er nie. Premierminister wurde er durch Rotationsverfahren oder weil sein Freund Jitzchak Rabin im November 1995 von einem jüdischen Fanatiker ermordet worden war. Immer ist Peres nur nachgerückt oder eingesprungen. Wenn er sich zur Wahl hat aufstellen lassen, verlor er. Fünfmal versuchte er, an die Spitze der Arbeitspartei gewählt zu werden, fünfmal scheiterte er.

Tod des israelischen Friedensnobelpreisträgers

Ein stiller Revolutionär

Auch das Präsidentenamt verpasste er einmal, als er 2000 bei der Wahl zum Staatspräsidenten dem damals fast unbekannten Mosche Katzav unterlegen war. Wochenlang ließ sich Peres danach nicht blicken. Sein jüngster Sohn Nechemia, den alle nur Chemi nennen, sagt: "Das war die frustrierendste und erniedrigendste Niederlage im Leben meines Vaters." Von Vater Peres gab es zu der Niederlage kein Wort zu seinen Gefühlen. In den Wochen des Schweigens waren sich die Medien gewiss, dass Peres sich nun um seine Enkelkinder kümmern werde. Doch ein Leben als Rentner war für Peres unvorstellbar.

Den Privatmensch Peres kannte kaum jemand. Seine Frau Sonja, die er 1945 geheiratet hatte, erwähnte er nie. Und sie ließ sich auch nie an seiner Seite blicken. Auf seinen Tausenden Reisen ins Ausland begleitete sie ihn kein einziges Mal, und selbst der Zeremonie im israelischen Parlament zur Inthronisierung von Peres als Staatspräsident war sie ferngeblieben. In den Wochen vor der Wahl zum Präsidenten hatte Sonja Peres einen Herzinfarkt erlitten. Dass Peres dennoch an den Präsidentenwahlen teilnahm, anstatt seiner Ehefrau beizustehen, wurde von manchen auch als Ausdruck seines Machthungers gewertet.

Die Träume, denen Peres auch in eigenen Büchern und Gedichten nachhing, bildeten in seinem gesamten politischen Leben auch das Gerüst für seine Zähigkeit. Während der ersten Intifada, der Geburtsstunde der radikal-islamischen Hamas, während des gescheiterten Friedensgipfels in Camp David, während der zweiten Intifada, die zum Bau der Trennanlage im Westjordanland führte, während des Libanonkrieges im Sommer 2006, während der Herrschaft der Hamas im Gazastreifen und der vielen Kleinkriege, Anschläge und Entführungen klammerte sich Peres unbeirrbar und stoisch an die Zukunft. Eines seiner Bücher trägt den Titel: "Morgen ist jetzt".

Peres, das war auch: Der Politiker, der es sich behaglich gemacht hat im Morgen und so die Gegenwart übersah. Er verstand es, den deprimierenden Nahost-Alltag auszublenden. Nur die Zukunft interessierte ihn, in ihr hat er gelebt. Anfang der neunziger Jahre goss er seine These vom "Neuen Nahen Osten" in Buchform.

Bis zu seinem Tod war Peres davon überzeugt, dass die Region als Friedenshort aufblühen, dass sich die arabischen Staaten mit Israel versöhnen und gemeinsam mit dem jüdischen Staat eine Wirtschaftsunion nach europäischem Vorbild bilden würden. Er sah Israel sogar als Mitglied der Arabischen Liga. Peres war überzeugt: "Der Nahe Osten kann vom Computer-Zeitalter und dem Aufstieg der Wirtschaftsmacht Asiens nur lernen. Dafür müssen die Staatsführer hier die Konflikte von gestern begraben und in Bildung investieren anstatt in ein Waffenwettrüsten."

Peres, der Gandhi des Nahen Ostens. In einem seiner Tausenden blumigen Vergleiche sagte er: "Es ist Gott, der darüber entscheidet, ob es regnet oder nicht. Aber es sind die Völker, die darüber entscheiden, ob es Frieden gibt oder nicht."

Scheinbar unempfindlich gegen Demütigungen

Peres' Kraft schien nie zu versiegen. Er brüstete sich damit, nur vier Stunden jede Nacht zu schlafen und jettete ständig um die ganze Welt. Während seine Mitarbeiter und Assistenten mit Jetlags kämpften, studierte Peres Akten oder machte Notizen in sein kleines Buch für neue Gedichte. Auch auf sein Äußeres war er sehr bedacht. Er aß nur in Maßen, ließ sich Tränensäcke und Schlupflider wegoperieren, die Gesichtszüge straffen und von einem Zahnarzt in München dritte Zähne implantieren.

Obwohl er selbst keinen Sport betrieb, spornten ihn Niederlagen geradezu an weiterzukämpfen, anstatt aufzugeben. Auch Degradierungen konnten ihm nichts anhaben. Der 1999 ins Amt des Premierministers gewählte Ehud Barak schuf für den Globetrotter und Weltbürger Peres das unwichtige "Ministerium für regionale Angelegenheiten" - und Peres, der zusammen mit Rabin und Palästinenserpräsident Jassir Arafat für den Oslo-Vertrag den Friedensnobelpreis bekam, nahm den Abschiebeposten auch noch an.

Die öffentliche Demütigung mag mit ein Grund dafür gewesen sein, weshalb Peres nach fast sechs Jahrzehnten Mitgliedschaft im November 2005 die Arbeitspartei verließ und zur Mitte-Partei "Kadima" von Ariel Scharon wechselte. Er musste sich den Ruf eines Opportunisten gefallen lassen, doch auch diese Kritik perlte an ihm ab. Nachdem Scharon wegen eines Gehirnschlags ins Koma fiel, wurde Ehud Olmert zum neuen Regierungschef gewählt. Olmert kürte Peres für dessen Unterstützung beim Gaza-Rückzug zwar zum Vize-Regierungschef - aber Peres erhielt wieder ein farbloses Amt, das Ministerium für die Entwicklung Galiläas. Auch das nahm er an, klaglos.