Israelische Luftangriffe in Syrien Dynamik des Kriegs

Nach dem israelischen Raketenbeschuss könnte sich der Krieg in Syrien zu einem internationalen Konflikt ausweiten. Israel tut so, als sei nach den Angriffen alles wieder wie gehabt. Doch jetzt ist das Land unter Zugzwang.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Die Nachricht des Tages kam aus Shanghai: Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat dort am Montagmorgen einen Industriepark besucht und sich dabei sehr beeindruckt gezeigt von Chinas Innovationskraft. Rasch hatte er am Sonntagabend noch eine Sitzung des Sicherheitskabinetts geleitet wegen dieser seltsamen Syrien-Krise, dann war er entschwunden für eine fünftägige Reise in die Volksrepublik.

Gewiss, im Norden seines eigenen Reichs wurden derweil zwei Raketenabwehr-Batterien in Stellung gebracht, der Luftraum für Zivilflugzeuge wurde vorübergehend gesperrt und eine erhöhte Nachfrage nach Gasmasken vermerkt. Doch all das ist nach israelischem Maßstab nicht viel mehr als Alarmroutine, und als erster Bürger des Staates gibt Netanjahu mit seiner Reise die Losung aus: kein Grund zur Sorge, alles geht seinen gewohnten Gang.

Jenseits der Grenze in Syrien rauchen derweil noch die Trümmer von zwei kraftvollen Angriffen nahe Damaskus am Freitag und Sonntag, die einer Raketenlieferung an die libanesische Hisbollah-Miliz gegolten haben sollen. Kein einziges Wort hat Israel offiziell dazu verloren, allein anonyme Quellen und ausländische Geheimdienste haben diese Luftschläge israelischen Kampfjets zugeschrieben. Schweigen und handeln - das ist Israels Strategie, und zwar nicht nur in diesem Fall, sondern grundsätzlich. Egal ob es um die geheimen Atomwaffen, um gezielte Tötungen oder um Angriffe auf Waffenlager im Feindesland geht.

Solche Zweideutigkeit birgt eindeutig ein paar Vorteile: Der Gegner lernt seine Lektion, doch es bleibt ein gewisser Spielraum, um ihn nicht unbedingt zum Gegenschlag zu provozieren. Im Falle Syriens ist das für die Regierung in Jerusalem besonders wichtig, denn als Erzfeind aller im Bürgerkrieg aktiven Gruppen kann es sich der jüdische Staat kaum leisten, in die Kämpfe hineingezogen zu werden.

Israel verlässt sich auf Mittel der Eindämmung

Die Bombardierung der Raketendepots soll deshalb auch nicht als direkter Angriff auf das syrische Regime von Baschar al-Assad gesehen werden, sondern als Schlag gegen die terroristische Hisbollah in Libanon. Die Tageszeitung Jedioth Achronot meldet sogar, Israel habe Assad über diplomatische Kanäle eine "geheime Botschaft" übermittelt mit der Zusicherung, man habe keine Absicht, sich in den Bürgerkrieg einzumischen.

All dies sind Mittel der Eindämmung - die Frage ist nur, ob das reicht angesichts der Wucht der jüngsten Angriffe. Bei Israels erstem Eingreifen in Syrien Ende Januar, als eine Lieferung von Luftabwehrraketen für die Hisbollah zerstört wurde, war hinterher alles ruhig geblieben. Nun jedoch sind die Schäden größer, auch wenn niemand ganz genau weiß, was alles getroffen wurde.

Die New York Times nennt unter Berufung auf syrische Quellen als Angriffsziele Raketenlager, ein militärisches Forschungszentrum, das als Chemiewaffenfabrik gilt, sowie Stellungen der Republikanischen Garden in der Nähe des Präsidentenpalasts. Insgesamt sollen dabei bis zu hundert Menschen getötet worden sein. Die oppositionsnahe Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London spricht von 15 toten Soldaten und Dutzenden Vermissten.