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Nahostkonflikt:Wut im Westjordanland

Alles wird zu Waffe: Junge Palästinenser attackieren am Grenzübergang Hawara bei Nablus israelische Soldaten mit Steinen.

Alles wird zur Waffe: Junge Palästinenser attackieren am Grenzübergang Hawara bei Nablus israelische Soldaten mit Steinen.

(Foto: JAAFAR ASHTIYEH/AFP)

Im Schatten des Gaza-Konflikts ereignen sich heftige Zusammenstöße zwischen Palästinensern und Israel. Dem Gefühl palästinensischer Einheit könnten bald neue Machtkämpfe folgen.

Von Paul-Anton Krüger

Es fliegen vor allem Steine, nicht Raketen: Im Schatten der israelischen Luftangriffe auf Ziele im Gazastreifen und des Raketenfeuers der Hamas auf Israel kommt es seit Tagen auch im Westjordanland zu Protesten - und Gewalt zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften sowie jüdischen Siedlern.

Zwar war einer der Punkte, an denen sich die Eskalation entzündete, die mögliche Zwangsräumung palästinensischer Familien aus Häusern in Scheich Dscharrah im Ostteil Jerusalems, betrieben von jüdischen Siedlern vor israelischen Gerichten. Doch blieb es im Westjordanland zunächst relativ ruhig - bis vergangenen Freitag.

Die Proteste waren auch auf den Tag der Nakba am Samstag gerichtet, zu Deutsch der Katastrophe, an dem die Palästinenser der Vertreibung 1948 gedenken. Sie erfassten alle größeren Städte: Ostjerusalem, Hebron, Nablus, Dschenin und die Umgebung Ramallahs, wo die Autonomiebehörde ihren Sitz hat. Und sie waren heftig wie lange nicht: Palästinenser warfen Brandsätze und steckten Barrikaden in Brand. Israelische Soldaten setzten Tränengas und Gummigeschosse ein, schossen aber auch scharf.

Im Generalstreik fanden sich Gruppen zusammen, die zuletzt auseinandergedriftet waren

Am Ende des Tages waren nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Ramallah zehn Palästinenser getötet und mehr als 150 verletzt worden. Der Hergang lässt sich in vielen Fällen nicht rekonstruieren. Augenzeugen werfen der israelischen Seite vor, mit großer Härte und Brutalität vorzugehen. Laut der Armee schossen Soldaten aber mindestens auf einen, der nun zu den Toten zählt, weil er einen Militärposten mit einem Messer attackierte.

Es folgte ein Generalstreik am Dienstag, zu dem zunächst eine arabische Dachorganisation aufgerufen hatte, die im Westjordanland herrschende Fatah von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und andere schlossen sich an. Der Streik richtete sich nicht nur gegen Israels Angriffe auf den Gazastreifen, sondern auch gegen die Zwangsräumungen in Scheich Dscharrah, das Vorgehen israelischer Sicherheitskräfte an der Al-Aksa-Moschee am Haram al-Scharif sowie die Gewalt durch jüdische Siedler.

Im Westjordanland leben etwa 400 000 Siedler, in Ostjerusalem weitere 200 000; Israel kontrolliert etwa 60 Prozent des Gebiets. Palästinenser werfen den Siedlern neben der international als Bruch des Völkerrechts angesehenen Landnahme auch vor, unter den Augen und dem Schutz der Armee ungestraft Gewalt gegen Palästinenser zu verüben.

An dem Ausstand beteiligten sich laut der israelischen Zeitung Haaretz sowohl der Großteil der arabischen Israelis, die sich überwiegend selbst als Palästinenser definieren, als auch die Palästinenser im Westjordanland und im Gazastreifen. Teilnehmer wie Organisatoren werteten die Proteste als ein Zeichen einer neuen politischen Einheit, nachdem Palästinenser in Israel, dem Westjordanland und dem Gazastreifen auch aufgrund großer Unterschiede in ihren Lebensbedingungen in den vergangenen Jahren zunehmend auseinandergedriftet waren.

Nachdem Tausende friedlich demonstriert hatten, unter ihnen Familien mit Kindern, folgten vor allem junge Männer parallelen Aufrufen von Fatah und Hamas zu einem "Tag des Zorns" und marschierten zu Kontrollpunkten der israelischen Armee. Nahe Ramallah kam es dabei zu einer Schießerei. Laut der Armee eröffneten militante Palästinenser das Feuer, Soldaten schossen ebenfalls scharf. Die Autonomiebehörde ist darauf bedacht, bewaffnete Auseinandersetzungen zu vermeiden. Dennoch kam es wiederholt zu Angriffen auf israelische Militärposten.

Am Dienstag hatte laut der Armee ein mit Maschinenpistole, Sprengsätzen und Messer bewaffneter Palästinenser versucht, Soldaten in Hebron zu attackieren. Dort sind die Spannungen besonders hoch, weil Siedler unter dem Schutz der Armee in Teilen des Stadtzentrums leben. Am Mittwoch feuerte der Armee zufolge eine Palästinenserin mit einem Sturmgewehr auf die nahe gelegene Siedlung Kirjat Arba. Beide Angreifer wurden getötet.

Bis Mittwochabend verzeichnete das Gesundheitsministerium in Ramallah 25 Tote und mehr als 6000 Verletzte. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Zahlen nicht. Sie sind aber zumindest ein Anhaltspunkt dafür, dass es sich um die schwersten Auseinandersetzungen seit Jahren handelt - manche sagen, die schwersten im Westjordanland seit der Intifada im Jahr 2000.

Ein neuer Aufstand der Palästinenser indes gilt als unwahrscheinlich, schon weil Israel heute weit größere Möglichkeiten hat, Proteste zu unterbinden. Zu erwarten ist jedoch, dass sich der Machtkampf unter den palästinensischen Gruppen weiter verschärft. Hamas und der mit ihr verbündete Islamische Dschihad gewinnen gerade unter jungen Palästinensern an Zulauf. Die Autonomiebehörde und mit ihr die Fatah gelten vielen als Handlanger der Besatzungsmacht.

© SZ/bac
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