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Israel:Von Feinden umzingelt

Binnen einer Nacht wurde das Land von zwei Seiten aus angegriffen. Das Abwehrsystem Iron Dome machte eine Rakete aus dem Gazastreifen unschädlich - folgenreicher könnte ein Zwischenfall auf den Golanhöhen sein.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Die Nacht war unruhig an Israels Grenzen, gleich zwei Angriffe vermeldete die Armee. Die erste Front tat sich im Süden auf, wo aus dem palästinensischen Gazastreifen eine Rakete auf Israel abgefeuert wurde. Sie wurde vom Abwehrsystem Iron Dome unschädlich gemacht. Die Antwort auf den Beschuss waren israelische Luftangriffe auf Stellungen der in Gaza herrschenden Hamas. Das ist fast schon kriegerische Routine, doch weit brisanter erscheint, was sich fast zeitgleich hoch im Norden auf den Golanhöhen ereignete, die Israel 1967 erobert und 1981 annektiert hat. Dort drangen nach Armeeangaben vier Angreifer von Syrien kommend auf israelisches Gebiet vor, um dort Sprengkörper zu platzieren. Die Eindringlinge wurden getötet, doch der Vorfall könnte noch Folgen haben.

Im Norden sind die Spannungen seit Wochen groß. Ausgelöst wurde das durch einen Israel zugeschriebenen Luftangriff in der Nähe von Damaskus, bei dem auch ein Kämpfer der libanesischen Hisbollah getötet wurde. Die schiitische Miliz kämpft im syrischen Bürgerkrieg mit iranischer Unterstützung auf Seiten von Präsident Baschar al-Assad. Weil Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah im Verhältnis zum Erzfeind Israel stets auf ein "Gleichgewicht der Abschreckung" dringt, wird seither mit einer Vergeltungsaktion gerechnet. Israel hat deshalb seine Truppen im Norden verstärkt und besondere Vorsichtsmaßnahmen ergriffen.

"Es gibt viele Mitspieler in Syrien", sagt ein Sprecher der israelischen Armee

Allerdings ist beim aktuellen Vorfall auf den Golanhöhen noch nicht endgültig geklärt, wer ihn ausgeführt hat. Nach israelischen Angaben hat dabei ein vierköpfiges Kommando versucht, an einem unbesetzten Armeeposten in der Nähe des Grenzzauns Sprengstoff zu platzieren. Der Trupp wurde entdeckt, über Stunden beobachtet und schließlich vom Boden aus und aus der Luft unter Beschuss genommen. "Ich kann mit Sicherheit sagen, dass sie getötet wurden", sagte der Armeesprecher Hidai Zilberman. "Aber wir wissen nicht, wer sie geschickt hat. Es gibt viele Mitspieler in Syrien."

In einer Erklärung der Armee wurde das syrische Regime für jeden Angriff verantwortlich gemacht, der von syrischem Boden ausgeht. Der israelische Minister Juval Steinitz, eigentlich zuständig für Energie- und Wasserfragen, lenkte den Blick nach Teheran und verkündete: "Unser strategisches Ziel ist es zu verhindern, dass Iran sich militärisch in Syrien festsetzt." Die schiitische Hisbollah gilt als verlängerter Arm der Iraner.

Falls sie hinter dem Vorfall auf den Golanhöhen steckt, wäre dies mutmaßlich schon der zweite misslungene Vergeltungsversuch. Denn bereits vor gut einer Woche war nach israelischen Angaben an der Grenze zum Libanon die Infiltration eines Hisbollah-Kommandos vereitelt worden. Damals wurden keine Opfer gemeldet und es war spekuliert worden, dass die Israelis die Lage nicht zusätzlich hatten eskalieren lassen wollen. Aus dem Libanon war der Vorfall schlicht dementiert worden, verbunden mit dem Hinweis, dass eine Vergeltung der Hisbollah noch folgen werde.

Wenn nun bei der Konfrontation auf den Golanhöhen vier Kämpfer getötet wurden, könnte dies weitere Gewalt nach sich ziehen. Anders als vor Wochenfrist hat Israels Armee von der jüngsten Aktion auch ein Video veröffentlicht, auf dem man zunächst die Eindringlinge sieht und später auch die Explosion, bei der sie getötet wurden. Ein Armeesprecher betonte, die Truppenverstärkung im Norden würde weiter aufrechterhalten. "Wir haben viel Geduld", sagte er.

© SZ vom 04.08.2020

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