Israel und Libanon Gefährlich nah am Krieg

Vier Tote im Streit um einen Baum im israelisch-libanesischen Grenzgebiet: Das Konfliktmanagement zwischen Libanon und Israel darf nicht den Hitzköpfen überlassen bleiben.

Ein Kommentar von Tomas Avenarius

Ein einsamer Baum auf einem schlecht markierten Grenzstreifen löst einen handfesten Krieg aus: Im Bauerntheater ließe sich das Versagen von Politik und der Triumph skrupelloser Kriegstreiberei mit so einer absurden Geschichte bildhaft inszenieren. Im Nahen Osten braucht es für solche, von politischer Dummheit durchsetzten Lehrstücke keine dörfliche Theaterkulisse. Die Akteure tun alles dafür, das Schauspiel im echten Leben wahr werden zu lassen: Vier Tote im Streit um einen Baum im israelisch-libanesischen Grenzgebiet, einen Baum, der der einen Armee die Sicht versperrt und der anderen zur Frage der nationalen Ehre wird. Dazu widersprüchliche Angaben über den Verlauf der Grenze und den Standort des hölzernen Gewächses, Beschuldigungen, Drohreden, Gefuchtel mit geladenen Waffen. Viel fehlt nicht mehr, und die Historiker können einen neuen israelisch-libanesischen Krieg im Geschichtsbuch vermerken.

Neue Spannungen an Israels Grenze zu Libanon.

(Foto: dpa)

Der Grenzzwischenfall belegt, wie gespannt das Verhältnis zwischen den Nachbarn Israel und Libanon ist. Ob das Scharmützel um den von den Israelis zur Fällung vorgesehenen Baum und seinen libanesischen Verteidigern Missverständnis war oder Provokation: Vier Jahre nach dem Sommerkrieg zwischen der israelischen Armee und der schiitischen Hisbollah-Miliz kann der kleinste Zwischenfall einen großen Waffengang auslösen. Anders als im Krieg 2006 war die Hisbollah diesmal nicht beteiligt. Beim jüngsten Schusswechsel haben das libanesische und das israelische Militär aufeinander gezielt. Der Konflikt erreicht damit die zwischenstaatliche Ebene. Die Hisbollah hat allerdings angekündigt, beim nächsten Zusammenstoß auf jeden Fall schießen zu wollen. "Die israelische Hand, die nach der libanesischen Armee greift, wird abgehackt", lässt Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah wissen.

Syriens Präsident Baschar al-Assad hat vor einem neuen, einem großen Nahostkrieg gewarnt. Auch wenn der Hisbollah-Freund Assad kein Unbeteiligter ist, sollte man ihm in dieser Frage Gehör schenken. Israel und Iran belauern und bedrohen sich seit Jahren im Atomstreit. Wenn es um die Vormacht in Nahost geht, sind diese beiden Staaten die entscheidenden Figuren auf dem Schachbrett. Israel, wie immer auf sich selbst gestellt, ist König, Dame und der Rest der Figuren in einem; vor dem Schachmatt abgesichert durch Militärhilfe der Überdame USA und die politische Unterstützung Europas. Auf der anti-israelischen Seite sind Hisbollah, Hamas und der schwache Staat Libanon die Bauern. Syrien rangiert als Springer - beweglich, aber schnell bedroht. Iran gibt auch Dame und König in einem, kann aber nicht wirklich überzeugen mit seiner Mischung aus diplomatischen Winkelzügen und militärischer Aufschneiderei.

Ob es wegen des Teheraner Atomprogramms zum Krieg kommt zwischen Iran und Israel oder nicht: Aller Voraussicht nach wird der Libanon so oder so Schlachtfeld werden. Die Hisbollah ist die kampfstärkste Miliz des Nahen Ostens. Sie ist für Israel eine größere Bedrohung als die schlecht bewaffnete libanesische Armee. Mit Zehntausenden Raketen ist die Hisbollah auch gefährlicher als die palästinensische Hamas. Die libanesische Miliz bedroht Israel nicht nur im Fall eines Kriegs mit Iran. Mit ihrem militärischen und ideologischen Potential ist die Hisbollah schon für sich alleine genommen ein Risiko für Israel.

Zwischen den Israelis und der Hisbollah steht die Unifil. Mit 10 000 Blauhelm-Soldaten stellt die Friedenstruppe der Vereinten Nationen seit vier Jahren ihre eigene Unzulänglichkeit unter Beweis. Die Hisbollah rüstet auf, die Israelis verletzen den libanesischen Luftraum, die Blauhelme schauen zu. So bleibt das Konfliktmanagement denen überlassen, die Interesse an einem neuen Krieg haben: den Militanten der Hisbollah und den Betonköpfen in der israelischen Armee.