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Israel und die USA im Konflikt mit Iran:Warum Obama das Kriegstrommeln aus Jerusalem fürchtet

Kräftemessen unter ungleichen Voraussetzungen: Israel ist auf Waffen und Geld aus den USA angewiesen, trotzdem treibt der israelische Premier den US-Präsidenten vor sich her. Obama möchte einen militärischen Konflikt mit Iran auf jeden Fall vermeiden. Doch Netanjahu würde seinen wichtigsten Verbündeten zur Not auch in einen Krieg zwingen - und er hat einen starken Trumpf in der Hand.

Peter Münch, Tel Aviv

Anders als im Alltag ist in der Welt der Politik die Zeit eine höchst variable Größe. Zeit wird gedehnt, Uhren werden angehalten, Zeiger werden manipuliert. In der Diplomatie geht es häufig darum, Zeit zu gewinnen, im Krieg kommt es oft darauf an, keine Zeit zu verlieren. Auf die Frage also, ob und wann es denn nun nach all den Verhandlungen und all den Drohungen zu einem Militärschlag gegen Irans Atomanlagen kommt, kann es folglich keine eindeutige Antwort geben. Nur eines ist klar: Es ist fünf vor zwölf - und das schon lange und immer wieder.

Unter dem Diktat der tickenden Uhr empfängt zu Beginn der nächsten Woche US-Präsident Barack Obama in Washington den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu. Im spannungsgeladenen Futur II wird dieses Treffen bereits vorab als historische Wegscheide zwischen Krieg und Frieden gewertet. Das mag übertrieben erscheinen, doch dahinter steht die nüchterne Analyse, dass es im Konflikt um das iranische Nuklearprogramm keine klare Front mehr gibt. Dies ist vielmehr mittlerweile ein iranisch-israelisch-amerikanischer Dreieckskonflikt.

Im Zentrum des Treffens zwischen Obama und Netanjahu steht also nur mittelbar die Iran-Frage, unmittelbar geht es um das Verhältnis der beiden eigentlich engsten Verbündeten - und die Entscheidung über Krieg und Frieden wird davon abhängen, wer sich am Ende durchsetzt in diesem strategischen Konflikt, der zwischen den USA und Israel ausgebrochen ist. Es ist also lohnend, sich die Positionen und die Motive der beiden Protagonisten genauer anzuschauen.

Zunächst zum US-Präsidenten: Obama hat ein doppeltes und schlimmstenfalls gegenläufiges Ziel - er will keinen Krieg, und er will keine iranische Atombombe. Natürlich sieht auch er die Gefahren, die von einem nuklear bewaffneten Regime in Teheran ausgehen, von der Bedrohung Israels bis hin zu den regionalen Hegemonial-Ambitionen der Mullahs. Doch zum Glück ist Barack Obama nicht George W. Bush, er versteht sich nicht als Werkzeug der Geschichte oder gar einer höheren Macht, sondern er hat aus der Geschichte gelernt. Ein neuer Krieg ist ihm - und seinem Wahlvolk - zumindest zum jetzigen Zeitpunkt ein Gräuel, nach den kaum verdauten Waffengängen in Afghanistan und Irak.

Zudem weiß der US-Präsident, dass Iran mit seinen mehr als 70 Millionen Einwohnern und seiner leidgeprüften Entschlossenheit ein anderer Gegner wäre als die barfüßigen Taliban oder der ausgezehrte Saddam Hussein. Obendrein würde bei einem Krieg der Ölpreis explodieren, die Weltwirtschaft implodieren und Obamas Chance auf Wiederwahl erodieren. Millionen Gründe also gegen den Krieg - und zwei daraus erwachsende Aufgaben: Obama muss Iran eindämmen und zugleich Israel zurückhalten.

Netanjahu aber zeigt mit aller Deutlichkeit, dass Zurückhaltung nicht seine Art und nicht sein Ziel ist. Er propagiert, dass er die Iraner vom Bombenbau abhalten werde - koste es, was es wolle. Als Argument dient ihm die existentielle Bedrohung Israels und die Beschwörung, dass es nicht zu einem zweiten Holocaust, diesmal der atomaren Art, kommen dürfe. Übertrumpft wird er dabei nur von seinem Verteidigungsminister Ehud Barak, der immer wieder an der Uhr dreht und den Zeiger bedrohlich nah an die Zwölf heranrückt.

Bislang allerdings hat die Drohung mit einem Angriff bei Israels Freunden im Westen offenbar mehr Angst ausgelöst als bei den Iranern. Die jüngste Verschärfung der Sanktionen wäre nicht denkbar gewesen ohne das Kriegsgetrommel aus Jerusalem. Festzuhalten ist also, dass die militärische Option sich für Israel zumindest als diplomatischer Erfolg erwiesen hat. Weit fraglicher ist, ob aus den verbalen Drohungen auch ein militärischer Erfolg erwachsen kann, ob also Israels Kapazitäten ausreichen für einen Alleingang gegen Iran. Aus Washington werden gezielt Zweifel daran gestreut, auch das zählt zu den Versuchen, den Freund zurückzuhalten. Doch auch aus Israels Sicherheitsapparat sind ernste Bedenken in Bezug auf die eigene Kraft zu hören, und in der Bevölkerung glaubt einer aktuellen Umfrage zufolge ohnehin nur jeder Fünfte, dass Israel es alleine mit Iran aufnehmen sollte.

Realpolitisch ergibt sich daraus für Netanjahu ein klarer Kurs: Er wird versuchen, die USA zu einer scharfen militärischen Drohung gegen Iran und zur Not auch in diesen Krieg zu treiben - gegen Obamas Willen, gegen die Interessen Washingtons. Es ist ein Kräftemessen unter ungleichen Voraussetzungen, denn Israel ist grundsätzlich auf Amerikas Beistand angewiesen, bis hin zur jährlichen Milliardenhilfe für Waffen. Doch Netanjahu hält einen Trumpf in der Hand. Wenn er allein angreift und als Vergeltung Raketen auf Israel regnen, wird Obama keinen Bestand verweigern können, schon gar nicht im Wahlkampf.

Darum also wird es gehen beim Treffen in Washington: Der Kleine will dem Großen seinen Willen aufzwingen, der Schwanz wedelt mit dem Hund. Grotesk? Vielleicht. Gefährlich? Ganz bestimmt. Ein wenig Zeit allerdings bleibt noch bis zum Katastrophenfall. Es ist ja erst fünf vor zwölf.

© SZ vom 02.03.2012/liv

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