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Israel und die US-Haltung zu Syrien:Maulkorb von Netanjahu

"Von München 1938 bis nach Damaskus 2013 hat sich nichts verändert", sagt Israels Wirtschaftsminister, "das ist die Lektion, die wir aus den Vorgängen in Syrien lernen." Obwohl der israelische Regierungschef einen Maulkorb verpasst hat, dröhnt es aus dem rechten Lager, der vertagte Krieg belege Obamas Führungsschwäche. Dabei kann auch Israel von Obamas Entscheidung profitieren.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Der Krieg ist vertagt, und hinterher wollen es natürlich viele wieder vorher gewusst haben: Auf Barack Obama sei eben kein Verlass, dröhnt es aus Israels rechtem Lager, der Zickzackkurs in Syrien belege einmal mehr seine Führungsschwäche.

"In Teheran werden sie nun die Champagnerflaschen öffnen und einen Gang hochschalten auf dem Weg zu Atomwaffen", schimpfte Wohnungsbauminister Uri Ariel von der Siedlerpartei "Jüdisches Heim". Und sein Parteichef Naftali Bennett hatte schon zuvor beklagt, dass "Israel sich auf niemanden außer auf sich selbst verlassen" könne. "Von München 1938 bis nach Damaskus 2013 hat sich nichts verändert", urteilte der Wirtschaftsminister, "das ist die Lektion, die wir aus den Vorgängen in Syrien lernen."

Es mag weit übertrieben erscheinen, Israel so vorauseilend zum Opfer der amerikanischen Politik zu stilisieren - zumal Washington das letzte Wort in der Kriegs-Causa noch längst nicht gesprochen hat. Überraschend aber kommen solche populistischen Töne nicht.

Denn die Regierung in Jerusalem hat seit Beginn der Diskussion um den Chemiewaffeneinsatz eine direkte Linie von Damaskus nach Teheran gezogen. Die US-Reaktion auf den syrischen Sündenfall ist so zum Test erklärt worden für Amerikas Beistand im Falle einer iranischen Atombedrohung. Deshalb schlägt Obamas Kurswechsel nun so hohe Wellen in Israel.

"Unverantwortlich gegenüber unseren Verbündeten"

Um schon vorsorglich die Wogen zu glätten, hatte Obama israelischen Medienberichten zufolge noch vor der öffentlichen Ankündigung seines Kurswechsels mit Benjamin Netanjahu telefoniert. Das sollte Vertrauen schaffen, und offenbar hat er Israels Premierminister davon überzeugen können, dass es derzeit besser sei, still die Entwicklung abzuwarten.

Netanjahu verpasste daraufhin seinen Kabinettskollegen einen Maulkorb - und ist nun doppelt düpiert von der öffentlich geäußerten Kritik. In der Kabinettssitzung zu Wochenbeginn nahm er sich deshalb die beiden Minister des "Jüdischen Heims" zur Brust. Er warf ihnen vor, "rücksichtslos und unverantwortlich gegenüber unserem Verbündeten zu handeln, nur um in die Schlagzeile zu kommen".

Dabei dürfte Netanjahu inhaltlich gar nicht weit entfernt sein von der Kritik der beiden Kabinettskollegen. Auch er hat in der Vergangenheit nie einen Hehl daraus gemacht, dass er an Obamas Beistandszusagen zweifelt und deshalb immer wieder mit einem militärischen Alleingang gegen Iran gedroht. Anders als bei Iran jedoch will er sich im Syrien-Konflikt so wenig wie möglich exponieren. Denn Israel soll keinesfalls als derjenige dastehen, der die USA in eine Militäraktion hineintreibt.

Ebenso wie den Amerikanern fehlt nämlich auch der Regierung in Jerusalem eine Strategie für den Umgang mit dem Bürgerkrieg im Nachbarland. Einerseits hat Israel ein Interesse daran, den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad zu bestrafen, weil am Ende keinesfalls jene Achse gestärkt werden soll, die von Damaskus aus nach Teheran und zur Hisbollah im Libanon geht.

Furcht vor Vergeltungsangriffen

Andererseits aber kann sich Israel auch keinen Sieg der von al-Qaida und sonstigen Dschihadisten geprägten Rebellen wünschen. Realpolitisch-zynisch gesprochen ist es daher für den jüdischen Staat am besten, wenn sich seine Feinde noch möglichst lange gegenseitig abschlachten.

Ginge es also im Hintergrund nicht um Iran und die Abschreckung der dortigen Atombombenbastler, so müsste auch die Jerusalemer Führung eher ein Interesse an amerikanischer Vorsicht in Syrien haben. Schließlich könnten selbst begrenzte Militärschläge der USA nicht nur die Kräfteverhältnisse in diesem Bürgerkrieg verschieben - schlimmstenfalls drohen sogar syrische Vergeltungsangriffe auf Israel.

Militärexperten stufen diese Gefahr zwar als gering ein. Einer am Montag veröffentlichten Umfrage zufolge fürchtet dennoch fast die Hälfte der Bevölkerung solche Attacken. Von all jenen aber, die nun schon Obamas Zögern als Feigheit vor dem Feind brandmarken, wird man in diesem Fall wohl auch nicht mit Blick auf das Risiko eines Flächenbrands Zurückhaltung erwarten dürfen.

© SZ vom 03.09.2013/gal/rus

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