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Israel:Tor zum Frieden

Der wohl rassistischste Fußballverein Israels will arabisches Geld.

Von Peter Münch

Israels Fußball hofft auf eine Friedensdividende: Kaum ist im Weißen Haus in Washington die neue Freundschaft des Landes mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und Bahrain besiegelt worden, da sorgt die Aussicht für Aufsehen, dass sich ein reicher und noch anonymer Geschäftsmann aus Abu Dhabi beim Traditionsverein Beitar Jerusalem einkaufen will. Klubbesitzer Moshe Hogeg will schon nächste Woche in die Emirate fliegen, um dieses "große Investment" voranzubringen.

Was mit dem Geld vom Golf bei Paris Saint-Germain oder Manchester City gelungen ist, soll künftig auch in Jerusalem gelten: "Das ist eine Gelegenheit, Beitar zu einem dominanten Klub zu machen, in Israel und weltweit", schwärmt Hogeg. Doch das allein reicht nicht. Der Verein, so sagt er, soll "ein konkretes Symbol für den neuen Wind des Friedens werden, der im Nahen Osten weht". Ausgerechnet Beitar!

Denn der 1936 gegründete Klub ist berüchtigt für seine Fans, die im Stadion jedes Spiel zum "Krieg" erklären und "Tod den Arabern" skandieren. "La Familia" nennen sich die ultrarechten Hooligans, doch den Rassismus gibt es nicht nur auf den Rängen, sondern auch auf dem Rasen. Beitar Jerusalem ist der einzige israelische Profiverein, der noch nie einen arabischen Spieler im Kader hatte. Als es der damalige russische Klubbesitzer 2013 wagte, zwei muslimische Tschetschenen zu verpflichten, dürften die sich sehr bald schon ins vergleichsweise beschauliche Grosny zurückgewünscht haben. Von den Fans wurden sie in Jerusalem bespuckt und beschimpft. Am Ende zündeten die Ultras aus Wut sogar das eigene Vereinsheim an. Trophäen und historische Trikots wurden zum Raub der Flammen.

Der Fußball ist in Israel immer schon ein Spielfeld für die Politik gewesen, viele Vereine tragen die Ideologie in ihrem Namen. Hapoel heißen die Arbeiterklubs aus dem linken Lager. Beitar verweist auf die Verwurzelung im rechten, dem sogenannten revisionistischen Flügel der zionistischen Bewegung. Der Verein ist seit jeher eng mit der Likud-Partei von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verwoben - und insofern trotz der rassistischen Exzesse dann doch keine schlechte Wahl, um einen Wandel zu dokumentieren.

Klubchef Hogeg, der sein Geld im Hightech-Sektor verdient, hatte sich diesen Wandel schon seit seiner Übernahme des Vereins 2018 auf die Fahnen geschrieben. Die Religion solle künftig keine Rolle mehr spielen bei der Zusammenstellung des Kaders, erklärte er - und verpflichte 2019 einen Spieler aus Niger namens Ali Mohamed. Der ist trotz des Namens zwar Christ. Aber die Beitar-Fans hinderte das nicht, beim ersten Training "Tod für Mohammed" und "Tod für Ali" zu brüllen".

Bei der von Hogeg postulierten Toleranz ist also noch reichlich Luft nach oben. Als Gedächtnisstütze hat der Verein in der vorigen Saison auf alle Trikots und alle Fanartikel ein biblisches Gebot drucken lassen: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Und wen das nicht überzeugt, dem hilft vielleicht ein Blick auf die Tabellen. Der sechsmalige israelische Meister Beitar Jerusalem ist in den vergangenen Jahren abgesunken ins Mittelfeld der Liga. Ein neuer Wind, und wenn es der des Friedens ist, kann da nicht schaden.

© SZ vom 17.09.2020

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