Süddeutsche Zeitung

Israel:Tausende Syrer suchen Schutz beim Staatsfeind

  • Bis zu 15 000 Flüchtlinge aus Syrien sind vor dem Krieg in die entmilitarisierte Zone an der Grenze zu Israel geflohen.
  • Hier jenseits der Golanhöhen setzen sie darauf, dass Syriens Armee es nicht wagen wird, Bomben abzuwerfen, die ein Engreifen der israelischen Armee provozieren könnten.
  • Israel versorgt die Geflohenen mit Lebensmitteln und Medikamenten - aus humanitären Gründen, aber auch damit die Syrer dem Grenzzaun nach Israel fernbleiben.

Von Alexandra Föderl-Schmid, Keshet

Von den Anhöhen und militärischen Beobachtungsposten, die sich entlang der Straße 98 auf den von Israel annektierten Golanhöhen ziehen, kann man sie sehen: Hunderte weiße Zelte in unmittelbarer Nähe des Grenzzauns auf der syrischen Seite. In den vergangenen Tagen waren Explosionen zu hören und Rauchsäulen zu sehen. Bis zu 15 000 Flüchtlinge hätten sich hier niedergelassen, erklärt Tomer Koller, ein israelischer Sanitätsoffizier, der vom Beobachtungspunkt Hasaka mit einem Fernglas die Lage beobachtet.

In den vergangenen Tagen flohen Tausende Syrier hierher in die Nähe der Dörfer Birajam und Bariqua, sie suchen Schutz vor den Kämpfen im Süden des Landes. Die Flüchtlinge sehen sich ausgerechnet im Windschatten des offiziellen Staatsfeindes Israels am besten geschützt. Sie setzen darauf, dass Syriens Armee es nicht wagen wird, in der offiziell entmilitarisierten Zone einzumarschieren oder hier Bomben abzuwerfen, die ein Eingreifen der israelischen Armee provozieren könnten.

Premierminister Netanjahu hat erklärt, dass Israel keine Flüchtlinge aufnehme

Seit Beginn der Offensive der Regierungstruppen Mitte Juni gegen die von den Rebellen kontrollierten Gebiete in der Provinz Daraa sind laut UN-Angaben rund 300 000 Menschen geflohen. Sie sind Gefangene im eigenen Land, denn die Nachbarländer Jordanien und Israel wollen sie nicht aufnehmen. Jordanien argumentiert damit, dass man bereits mehr als eine Million Flüchtlinge versorge, Israel hat im Rahmen der Operation "Guter Nachbar" eine Hilfsaktion gestartet und bringt Güter über die Grenze. "Wir leisten Hilfe, so viel und so rasch es geht", erklärt Koller und gesteht ein, dass dies auch deshalb geschehe, damit die Syrer auf ihrer Seite bleiben und nicht den Grenzzaun stürmen.

300 Zelte, 13 Tonnen Lebensmittel, 15 Tonnen Babynahrung, Medikamente und Spielsachen wurden in den vergangenen Tagen auf die andere Seite gebracht. Ein Teil der Hilfsgüter stammt von der von Gal Lusky gegründeten Hilfsorganisation Israeli Flying Aid. "Auch wenn wir als eingefleischte Feinde gelten: Wir können als Nachkommen von Holocaustüberlebenden nicht tatenlos zuschauen, wie Frauen und Kinder in Syrien abgeschlachtet werden", sagt Lusky. "Wir wollen sie unsere Solidarität spüren lassen und dazu beitragen, ihre Mägen zu füllen und Herzen zu erfreuen." Israelische Kinder in den 32 Orten auf den Golanhöhen haben Spielzeug und Süßigkeiten gesammelt, die über die Grenze gebracht wurden, berichtet Dalia Amos, die Sprecherin der Kommunen. Ein Spielzeuggeschäft habe mehrere Spielsachen zur Verfügung gestellt.

Auf dem Parkplatz, wo man die beste Sicht auf die Stadt Quneitra auf der syrischen Seite hat, diskutiert eine Gruppe orthodoxer Juden über die Situation im Grenzgebiet. Die Männer äußern ihr Bedauern über das Leid der Menschen, unterstützen aber voll die Position der Regierung, die Grenzen dicht zu halten und nur vereinzelt Syrer zur Behandlung in israelischen Krankenhäusern durchzulassen.

Premierminister Benjamin Netanjahu hatte erklärt, dass Israel keine Flüchtlinge aufnehmen werde: "Wir werden so viel humanitäre Hilfe leisten wie möglich, aber keinen Einlass in unser Staatsgebiet gewähren." Er forderte Syrien wiederholt auf, das Waffenstillstandsabkommen von 1974 strikt einzuhalten. Die Vereinbarung mit Syrien sieht eine 235 Quadratkilometer große entmilitarisierte Zone vor.

Israel wie auch Jordanien haben Angst, dass Extremisten einsickern

Israel hat vergangene Woche seine Truppen verstärkt und auch weitere Panzer auf die Golanhöhen geschickt. Generalstabschef Gadi Eisenkot ließ sich vor Ort über die Lage informieren. In der israelischen Armee verfolgt man die neuesten Entwicklungen durchaus angespannt. Schon länger hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass man sich weiter mit Präsident Bashar al-Assad arrangieren muss. Israel wie auch Jordanien haben Angst, dass Extremisten einsickern, wenn diese aus dem Süden Syriens verdrängt werden. Denn in dieser Gegend waren bisher auch IS-Kämpfer aktiv.

Nach dem am Wochenende erzielten Waffenstillstandsabkommen haben nach Informationen von israelischer Seite Rebellen damit begonnen, Waffen und Munition an Regierungstruppen zu übergeben. Russische Soldaten und Polizeikräfte sollen in der Stadt Daraa und am Grenzübergang Naseeb zwischen Jordanien und Syrien Position bezogen haben. Im westlichen Gebiet soll es aber noch Kämpfe zwischen syrischen Regierungstruppen sowie der Al-Nusra-Front und einigen IS-Einheiten geben.

Nach israelischer Einschätzung hat Russland seine Zusage, dass weder Kämpfer der libanesischen Hisbollah noch Irans an den Auseinandersetzungen in der Provinz Daraa teilnehmen, nicht ganz umgesetzt. Netanjahu will am Mittwoch in Moskau bei einem Treffen mit Präsident Wladimir Putin erreichen, dass sich iranische Truppen mindestens 40 Kilometer von den Golanhöhen entfernt zurückziehen. Am Sonntag bekräftigte Netanjahu: "Wir werden die Etablierung einer militärischen Präsenz Irans und seiner Verbündeten in Syrien nicht dulden, weder nahe der Grenze noch weit von ihr entfernt." Israel sieht das als zentrale Bedingung für eine Nachkriegsordnung in Syrien an, über die Putin und US-Präsident Donald Trump bei ihrem Gipfeltreffen sprechen werden. Um ein Festsetzen Irans in Syrien zu verhindern und Waffenlieferungen an die libanesische Hisbollah zu unterbinden, hat die israelische Luftwaffe mehr als hundert Mal seit 2011 Stellungen in Syrien angegriffen.

Israel ist vor allem daran interessiert, was in der Nähe der Golanhöhen auf syrischer Seite passiert. Deshalb werden von israelischen Soldaten nicht nur die Flüchtlingsströme im Grenzgebiet mit Argusaugen beobachtet, sondern alle militärischen Bewegungen. Am Sonntag hieß es, dass einige Flüchtlinge bereits die Zelte verließen und sich wieder Richtung Landesinnere bewegten - offensichtlich im Vertrauen darauf, dass die Waffenruhe eingehalten wird.

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SZ vom 09.07.2018/ankl
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