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Golanhöhen:Mysteriöser Grenzübertritt

1967 hat Israel die Golanhöhen besetzt, der Protest ist aktuell: Erst am Sonntag demonstrierten Drusen auf syrischer Seite gegen die Annexion, die 1981 erfolgte.

(Foto: Jalaa Marey/AFP)

Eine junge Israelin ist auf ungeklärten Wegen nach Syrien gelangt und dort inhaftiert worden. Nun verhandeln die beiden Staaten unter russischer Vermittlung über einen Gefangenenaustausch.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Die Erzfeinde Israel und Syrien verhandeln über einen Gefangenenaustausch, Russland hat die Rolle des Vermittlers übernommen. Dies sind die Eckpfeiler einer Geschichte, die der Öffentlichkeit seit Tagen Rätsel aufgibt. Im Mittelpunkt steht dabei das Schicksal einer 25-jährigen Israelin, die auf unerfindlichen Wegen auf den Golanhöhen auf syrisches Staatsgebiet geraten und dort festgenommen worden ist. Für die Freilassung der Frau sollte Israel zunächst zwei Gefangene aus der Haft entlassen.

Der mysteriöse Grenzübertritt ereignete sich offenbar bereits vor zwei Wochen. Seit Tagen schwirren Meldungen über eine ominöse "humanitäre Angelegenheit" zwischen Syrien und Israel durch die Medien. Am Dienstagabend wurde in dieser Sache Israels Kabinett zusammengerufen mit der ausdrücklichen Bekanntmachung, dass dazu nichts bekannt gemacht werden dürfe. Die israelische Nachrichtensperre wurde erst durch die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana gebrochen, die von der Gefangennahme einer Israelin berichtete, die bei Quneitra die Grenze überschritten habe.

Zu vielen Unklarheiten in diesem Fall zählt die Frage, wie es der Frau überhaupt gelungen ist, über die schwer gesicherte Grenze auf dem Golan zu gelangen, dessen größter Teil 1967 von Israel besetzt und später annektiert wurde. Auf der jeweiligen Seite des Grenzzauns patrouillieren israelische Soldaten und syrische Sicherheitskräfte, obendrein sind dort seit 1974 UN-Soldaten stationiert.

Ging die Frau aus Liebe über die Grenze?

Sana berichtet, die Israelin sei "aus Versehen" auf syrisches Gebiet geraten. Demnach handelt es sich um eine Bewohnerin einer ultraorthodoxen Siedlung im Westjordanland, die ihre Glaubensgemeinschaft verlassen habe. Ringsherum sprießen nun die Spekulationen: In einem Bericht ist davon die Rede, sie habe sich "aus Liebe zu einem syrischen Staatsbürger" auf den Weg gemacht. In einem anderen heißt es, sie habe zuvor auch schon einmal versucht, von Israel aus in den Gazastreifen zu gelangen.

Verhandelt wird in diesem Fall auf höchster Ebene. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu erklärte, dass er seine guten Beziehungen zu Russlands Präsident Wladimir Putin nutzen werde, "um ein Menschenleben zu retten". Außenminister Gabi Aschkenasi und Verteidigungsminister Benny Gantz haben in dieser Sache bereits mit ihren Moskauer Amtskollegen telefoniert. Eine hochrangige Delegation aus Jerusalem ist eilends zu Krisengesprächen nach Moskau geflogen.

Alle Anzeichen deuteten auf eine baldige Einigung hin, auch die Namen der beiden freizulassenden Gefangenen wurden bereits bekannt. Es handelt sich um einen Mann, der zu 14 Jahren Haft verurteilt wurde, weil er im Auftrag der libanesischen Hisbollah-Miliz Terrortaten in Israel verüben sollte, sowie um eine Frau, die nach drei Jahren Haft bereits in Hausarrest entlassen worden war. Beide gehören zur Religionsgemeinschaft der Drusen, die auf dem Golan auf beiden Seiten der Grenze leben. Dem Austauschplan zufolge sollen die beiden nach Damaskus abgeschoben werden. Doch dann tauchte ein neues Problem auf: Die beiden wollen nicht nach Syrien. Am Donnerstagabend wurde gemeldet, dass Israel den syrischen Behörden zwei Schafhirten, die sich offenbar ebenfalls versehentlich nach Israel verirrt hatten, übergeben hat.

© SZ/vgr
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