Israel Sirenenalarm in der Seifenblase

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag warf die israelische Luftwaffe Dutzende Raketen über Gaza ab und reagierte damit auf den palästinensischen Raketenangriffe auf Tel Aviv. In Gaza wurden in der Nacht vier Menschen verletzt, auf israelischer Seite gab es keine Opfer.

(Foto: REUTERS)

Zum ersten Mal seit 2014 erreichen Raketen den Großraum Tel Aviv: Israel reagiert umgehend und greift Dutzende Ziele der Hamas an. Das alles könnte ein großes Versehen gewesen sein.

Von Alexandra Föderl-Schmid, Tel Aviv

Viele glaubten an einen Fehlalarm, als plötzlich die Sirenen mitten in Tel Aviv heulten. Vor eineinhalb Jahren passierte das mitten in der Nacht, damals hat sich kaum jemand bewegt. Doch diesmal war es ernst. Die Menschen auf den Straßen und in den Einkaufszentren wurden Richtung Bunker geschleust.

Zwei Raketen waren am Donnerstagabend aus dem Gazastreifen Richtung Großraum Tel Aviv abgefeuert worden - zum ersten Mal seit dem Ende des Gazakriegs 2014 auf diesen dicht besiedelten Zentralraum Israels. Die Auseinandersetzungen rund um den Gazastreifen waren plötzlich ganz nah. Denn viele Tel Aviver leben wie in einer Blase und blenden die Konflikte aus, auch wenn die Küstenenklave nur 60 Kilometer entfernt liegt.

Die Raketen landeten im Meer und auf offenem Feld, sie richteten keinen Schaden an. Vom israelischen Militär und den Politikern wurde der Beschuss Tel Avivs als massive Eskalation verstanden, Premierminister Benjamin Netanjahu eilte ins Hauptquartier der Armee. Nach Stunden hieß es, er habe Entscheidungen getroffen - verkündet wurden sie allerdings nicht.

In den vergangenen Wochen schickten fast jeden Tag militante Palästinenser eine einzelne Rakete oder einen mit einem Brandsatz versehenen Ballon auf die israelische Seite jenseits des Gazastreifens. Die israelische Armee war dazu übergegangen, auch auf jeden einzelnen Ballon mit Gegenschlägen zu reagieren.

Aber mit einer Mittelstreckenrakete Tel Aviv angreifen und das mitten im Endspurt des israelischen Wahlkampfes? Die im Gazastreifen regierende radikalislamische Hamas und der Islamische Dschihad versicherten am Abend rasch, sie steckten nicht hinter den Angriffen. Die Hamas schob als Begründung noch nach, schließlich sei man zum Zeitpunkt des Angriffs gerade mit Ägyptern zusammengesessen, um - wieder einmal - über einen langfristigen Waffenstillstand zu verhandeln. Man habe kein Interesse an einer Eskalation.

Die israelische Armee machte dennoch die Hamas verantwortlich und begann nach Mitternacht rund hundert Ziele im Gazastreifen zu bombardieren: Es soll sich laut Angaben Israels um Gebäude und Anlagen der Hamas und des Islamischen Dschihads gehandelt haben. Vier Palästinenser wurden verletzt.

Für die Bewohner des Gazastreifens war es eine unruhige Nacht, aber auch für die Israelis auf der anderen Seite des Grenzzauns. Drei Mal gab es Raketenalarm, insgesamt neun Geschosse wurden abgefeuert. Das israelische Abwehrsystem Iron Dome (Eisenkuppel) fing davon sechs ab. In der Stadt Sderot waren Geschossteile zu finden, Schäden gab es keine.

Bewohner in den Orten entlang des Gazastreifens forderten eine härtere Reaktion der israelischen Armee. Aber sowohl auf israelischer Seite als auch im Gazastreifen war man nach den Auseinandersetzungen in der Nacht um Deeskalation bemüht. Der von Ägypten und den UN vermittelte Waffenstillstand hielt am Freitag tagsüber ab 8 Uhr morgens.

Eine der israelischen Bedingungen für einen Waffenstillstand wurde von der Hamas prompt erfüllt: Dass die vor allem an Freitagen abgehaltenen Proteste an der Grenze zum Gazastreifen abgesagt werden - zum ersten Mal seit einem Jahr wurden sie ausgesetzt. Der Hamas dürfte die Absage durchaus gelegen gekommen sein. Denn am Vortag ist es zu einer der seltenen Demonstrationen im Gazastreifen gekommen, Bürger protestierten gegen die Lebensbedingungen - und damit gegen die seit 2007 regierende Hamas. Die Polizei ging mit Gewalt dazwischen. Auch am Freitag kam es zu Protesten. Deshalb soll die Hamas aus Eigeninteresse an keinen größeren Versammlungen am Freitag interessiert gewesen sein.

Die Menschen in Gaza protestieren gegen die Hamas und die Lebensbedingungen

Am frühen Nachmittag zitierten israelische Medien ungenannte Quellen, wonach nach Einschätzung von Armeeexperten die Hamas-Führung den Raketenbeschuss auf Tel Aviv nicht befohlen hat, sondern der Abschuss aus Versehen ausgelöst worden sei. Eine andere Interpretation lautete, niederrangige Hamas-Funktionäre hätten aus eigenem Antrieb gehandelt. Abgeschossen wurden Langstreckenraketen aus iranischer Produktion vom Typ M-75.

Die israelische Armee war ungewöhnlich zurückhaltend mit offiziellen Stellungnahmen. Netanjahu, der auch Verteidigungsminister ist, äußerte sich am Freitag tagsüber auch nicht. Am späten Nachmittag trat sein Herausforderer Benny Gantz vom blau-weißen Bündnis vor die Presse. Der ehemalige Generalstabschef tat dies in der Nähe des Kibbuz Nahal Oz, direkt am Grenzzaun zwischen Israel und dem Gazastreifen. Gantz, dessen Vorsprung auf Netanjahu rund drei Wochen vor der Wahl am 9. April wieder geschmolzen ist, attackierte den Regierungschef. "Israel hat keine Abschreckungspolitik mehr. Wir brauchen harte Maßnahmen." Aber er nannte keine konkreten Schritte.

Auch Bildungsminister Naftali Bennett, der die Partei Neue Rechte gegründet hatte, forderte Netanjahu zum Durchgreifen auf. Wenn er das nicht wolle, solle er den Job des Verteidigungsministers jemand anderen überlassen, der dies dann erledige.