Israel:Nicht ganz koscher

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Warum eine Schnäppchen-Aktion in Israel gar nicht gut ankam.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Wer als Israeli billig einkaufen möchte, sollte am besten ins Ausland fliegen. Zu Hause sind die Lebenshaltungskosten enorm hoch, die Klagen darüber sind seit Langem laut. Doch nun wurden die ewigen Debatten um einen neuen Aspekt bereichert: Wer billig einkaufen will, könnte das auch einfach online erledigen über eine Webseite, die von der großen israelischen Supermarktkette Shufersal gezielt für die ultra-orthodoxe Kundschaft eingerichtet wurde. Dort wurden viele Lebensmittel deutlicher günstiger angeboten als auf der offiziellen Shufersal-Seite - und das hat einen heftigen Proteststurm ausgelöst im Land.

Aufgedeckt wurde die Ungleichheit in der vorigen Woche vom israelischen Fernsehsender Channel 12, dessen Reporter auf die allgemein wenig bekannte Website namens Yashir La'Mehadrin gestoßen waren. Übersetzt heißt das ungefähr "Direkt zu streng koscher", die Webseite richtet sich also an jene, die den jüdischen Speiseregeln in der strikten Form folgen. Im Vergleich zum herkömmlichen Shufersal-Angebot kostete eine Tiefkühlpizza dort zum Beispiel 4,40 statt 6,10 Euro, ein Krapfen 80 Cent statt 1,65 Euro. Insgesamt fanden sich rund 2000 Produkte mit deutlich geringeren Preisen.

Aus Sicht der Supermarktkette ging es wohl nur um spezielle Kundenpflege, schließlich gehört den Ultra-Orthodoxen die Zukunft. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung hat sich seit 1980 von vier auf zwölf Prozent verdreifacht, und wegen der hohen Geburtenrate steigt die Kurve weiter steil an. Da muss man sich geschickt platzieren, und auch Ikea hatte dem vor ein paar Jahren schon Rechnung getragen mit einem Möbelkatalog, der sich nur an die Frommen richtete. In den Bücherregalen standen ausschließlich religiöse Schriften, vor allem aber fehlten auf den Bildern komplett die Frauen.

Mit dem unterschiedlichen Preissystem jedoch hat Shufersal nun einen empfindlichen Nerv in der israelischen Gesellschaft getroffen, in der zwischen den frommen und den säkularen Juden seit Langem eine Art Kulturkampf tobt. Gestritten wird um Privilegien wie die Befreiung der Haredim, der "Gottesfürchtigen", vom Wehrdienst, oder darüber, dass sich die Hälfte der Männer dem Arbeitsmarkt entzieht und sich staatlich subventioniert dem Studium der Thora widmet. Jetzt kommen zu den Sonderkonditionen auch noch die Sonderangebote.

Auf der Facebook-Seite der Supermarktkette forderten wütende Stammkunden eine Rückzahlung. Konsumentenschützer riefen zum Boykott von Shufersal auf, säkulare Politiker schalteten sich ein, und obendrein reichten zwei Anwaltskanzleien Klage ein wegen Diskriminierung der weniger frommen Kundschaft. Nach wenigen Tagen ist die Unternehmensführung nun eingeknickt und hat angekündigt, die Website für die ultra-orthodoxe Klientel fürs Erste zu schließen und dann nach einem neuen Konzept zu suchen.

Per Video bedankte sich der CEO von Shufersal sogar für die geleistete Aufklärungsarbeit und versicherte, dass "Transparenz und Fairness" für sein Unternehmen von zentraler Bedeutung seien. Fraglich ist nur, ob das allein die Gemüter beruhigt. Schließlich wissen die Kunden nun, dass man die Waren eigentlich auch viel billiger verkaufen könnte.

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