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Nahost:Furchtbares Fanal zum Trauertag

Israeli soldiers take part in a ceremony marking Israel's Memorial Day at a memorial site for fallen soldiers from the Armored Corps in Latrun

Soldaten bei einer Gedenkzeremonie in Latrun.

(Foto: NIR ELIAS/REUTERS)

Israel begeht den Soldatengedenktag - und ein Veteran erschüttert das Land mit einer versuchten Selbstverbrennung.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Israel begeht den Gedenktag für die gefallenen Soldaten, und Itzik Saidian liegt im Krankenhaus. Als zur Erinnerung an die Toten am Dienstagabend und noch einmal am Mittwochmorgen die Sirenen aufheulten und das ganze Land für den Moment zum Stillstand kam, kämpfte er um sein Leben. Saidian, 26 Jahre jung und ein Veteran des Gazakriegs von 2014, hatte sich am Tag zuvor aus Verzweiflung und Protest selbst angezündet. Schwere Verbrennungen am ganzen Körper hat er davongetragen - und eine weitere Last liegt nun auf diesem Gedenktag.

In jedem Frühjahr wird in Israel der Jom Hazikaron begangen, der Tag der Erinnerung an die bis heute 23 929 gefallenen israelischen Soldaten und Opfer von Terrorismus. Der Tag gehört zu einer ganzen Woche des Gedenkens, die einen dramatischen Bogen spannt über Israels Geschichte. Den Anfang macht stets der Jom Haschoa zur Erinnerung an die sechs Millionen von den Nazis getöteten Juden. Am Ende steht der Jom Haazmaut, der Unabhängigkeitstag, an dem die Staatsgründung vor nunmehr 73 Jahren ausgiebig gefeiert wird mit Partys und patriotischem Pomp.

Die 24 Stunden davor aber gehören der Trauer um die Gefallenen. Die Staatsführung trifft sich auf dem Jerusalemer Herzlberg. Die Bürger gehen zu den Friedhöfen. Angehörige von Opfern beider Seiten haben sogar eine gemeinsame israelisch-palästinensische Gedenkfeier organisiert, auf der zu Frieden und Versöhnung aufgerufen wird. Die Angehörigen von Itzik Saidian aber mussten in diesem Jahr zum Tel Haschomer Krankenhaus in der Nähe von Tel Aviv kommen. Die Kameras der Fernsehsender warteten schon.

Allein 13 israelische Soldaten wurden in Shajaiya getötet

Itzig Saidian verfolgen die Schatten der Erinnerung nicht nur am Gedenktag, sondern jeden Tag. Als Soldat der Golani-Brigade war er 2014 bei der Schlacht von Shajaiya im Einsatz, die zu den blutigsten Gefechten dieses 50 Tage dauernden Gazakriegs zählt. Allein 13 israelische Soldaten wurden in Shajaiya getötet. Saidian hat überlebt - und kämpft seitdem mit PTSD, der posttraumatischen Belastungsstörung.

In einem TV-Interview hat er vor anderthalb Jahren einen Einblick in sein Seelenleben gewährt. Fünf Jahre später sei er immer noch nicht in der Lage, ein Studium oder eine feste Beschäftigung aufzunehmen oder eine Beziehung zu einer Frau einzugehen, berichtete er. Die Gesichter seiner getöteten Kameraden und die Gerüche aus der Schlacht seien ihm ständig präsent. "Ich habe in den ersten drei Stunden der Kämpfe sieben Freunde verloren", sagte er, "und danach habe ich noch zweieinhalb Wochen weitergekämpft."

Er klagte auch darüber, dass ihm trotz dieser grausamen Folgen nur eine 25-prozentige Arbeitsunfähigkeit bescheinigt wurde. Sein Antrag auf 50 Prozent wurde demnach abgelehnt mit der Begründung, ein Teil seiner Störung stamme von einem Kindheitstrauma. Es war nach dem Krieg ein zäher Kampf mit den Behörden, und am Ende hat sich Itzik Saidian vor einer für versehrte Soldaten zuständigen Außenstelle des Verteidigungsministeriums mit einer brennbaren Flüssigkeit übergossen und in Brand gesetzt.

"Das Schlimmste ist nun passiert"

Große Aufmerksamkeit wenigstens hat er damit im Land erregt. Idan Kaliman, Vorsitzender der Behinderten-Organisation der Armee, erklärte: "Das Schlimmste ist nun passiert. Wir haben seit Jahren davor gewarnt, dass die zuständige Stelle des Verteidigungsministeriums praktisch und moralisch ihre Arbeit schlecht erledigt." Ein Vertreter des Ministeriums sprach von einem "Weckruf", der Minister selbst ordnete eine genaue Untersuchung der Umstände an.

Generalstabschef Aviv Kochavi eilte persönlich ins Krankenhaus und traf dort auf Saidians Familie. Dessen Bruder rief: "Helft ihm, helft all den anderen Soldaten." Die Hotline der Organisation Natal, die sich um Trauma-Opfer kümmert, verzeichnete indessen nach Saidians furchtbarem Fanal einen Anstieg der telefonischen Hilferufe um 300 Prozent.

© SZ/toz
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