Nahost:Hamas feuert 130 Raketen auf Tel Aviv

Nahost: Als Reaktion auf Raketenbeschuss bombardierte Israels Luftwaffe zahlreiche Ziele im dicht besiedelten Gazastreifen. Dort herrscht die islamistische Hamas.

Als Reaktion auf Raketenbeschuss bombardierte Israels Luftwaffe zahlreiche Ziele im dicht besiedelten Gazastreifen. Dort herrscht die islamistische Hamas.

(Foto: MAHMUD HAMS/AFP)

Israel will im Konflikt mit den Palästinensern noch mehr Härte zeigen, die Armee erwägt sogar eine Bodenoffensive. Die Hamas antwortet mit einen Raketenhagel auf israelische Städte - und könnte so ausgerechnet ihrem Erzfeind helfen.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Die Sirenen verstummen nicht mehr im Kibbuz Nahal Oz oder in Kerem Schalom, und auch nicht in Sderot und Aschkelon. Den ganzen Dienstag über lagen die israelischen Dörfer und Städte rund um den Gazastreifen unter heftigem Raketenbeschuss, am Dienstagabend traf es in mehreren Wellen auch die Mittelmeermetrople Tel Aviv - und im Gegenzug bombardierte die israelische Armee nahezu ununterbrochen Ziele in dem palästinensischen Küstengebiet.

Tote und Verletze gibt es auf beiden Seiten, doch noch ist nicht abzusehen, ob dieser heftigste Schlagabtausch seit Jahren zu einem längeren Krieg eskaliert. Aber das Potenzial zum Kontrollverlust ist groß, die Drohungen sind gewaltig. Und es ist gewiss kein gutes Omen, dass die israelische Seite ihrer Operation bereits einen klangvollen Namen gegeben hat: "Wächter der Mauern".

Mit den Mauern sind in dieser militaristischen Lyrik wohl jene von Jerusalem gemeint. Dort, in der seit jeher zwischen Israelis und Palästinensern umkämpften Stadt, hatte sich der Konflikt angebahnt im Verlauf des Fastenmonats Ramadan, der nun in dieser Woche mit allem anderen als Freudenfesten zu Ende gehen dürfte. Hunderte Verletzte waren in den vergangenen Tagen bereits bei Straßenschlachten rund um den Tempelberg gezählt worden. Nun aber sind es zunächst einmal die Mauern andernorts, die erbeben unter dem wechselseitigen Beschuss.

Man greife gezielt Hamas-Stellungen an, beteuert Israels Militär

In dem von der islamistischen Hamas beherrschten Gazastreifen, wo es anders als in Israel keine Sirenenwarnung und kein Raketenabwehrsystem gibt, kamen bereits in den ersten 24 Stunden nach Angaben des dortige Gesundheitsministerium mindestens 28 Menschen ums Leben. Zehn Kinder sollen unter den Toten sein.

Die israelische Armee greift nach eigenen Angaben gezielt Stellungen der Hamas und des Islamischen Dschihad an. Dazu gehören neben Raketenabschussrampen auch Waffenlager und -fabriken, das Hauptquartier des Hamas-Geheimdienstes und Tunnel, die unterhalb des Grenzwalls gegraben wurden. Per Luftangriff auf sein Haus wurde demnach ein Hamas-Kommandeur getötet. Zwei führende Mitglieder des Islamischen Dschihad starben bei einem Drohnenangriff.

Israels Armeechef Aviv Kochavi versichert, dass die Armee alles versuche, um zivile Opfer zu vermeiden. Der Hamas warf er jedoch vor, aus dicht bewohnten Gebieten heraus zu operieren und so die Bevölkerung als menschliche Schutzschilde zu benutzen. Tatsächlich hat die Hamas auch schon in früheren Kriegen aus Schulhöfen oder Krankenhausarealen heraus ihre Raketen abgeschossen. Bei einer Einwohnerschaft von mehr als zwei Millionen Menschen gibt es allerdings im flächenmäßig kleinen Gazastreifen fast nur dicht besiedelte Gebiete.

Protest over the possible eviction of several Palestinian families in the Sheikh Jarrah neighbourhood

Aufgeputschte Emotionen: Palästinenser in Jerusalem schwenken Fahnen der als Terrororganisation eingestuften Hamas.

(Foto: Ammar Awad/Reuters)

Israels Militär stellt sich offenkundig bereits auf länger andauernde Kämpfe ein. Zusätzliche Artillerie wurde ins Grenzgebiet geschafft, 5000 Reservisten wurden einberufen. Dies sei ein "größerer Konflikt ohne Zeitlimit", heißt es in einer Erklärung. Armeesprecher Hidai Zilberman brachte bereits die Möglichkeit einer Bodenoperation ins Spiel. "Nichts ist ausgeschlossen", sagte er, "wir halten den Fuß auf dem Gaspedal."

So wird nach einem vor allem der Pandemie geschuldeten Jahr der relativen Ruhe die Erinnerung wachgerüttelt an drei vorhergehende Gazakriege zwischen den gleichen Kontrahenten in den Jahren 2008/09 sowie 2012 und 2014. Sie kosteten jeweils viele Menschenleben und richteten enorme Schäden an, veränderten aber nichts an der Ausgangslage im Konflikt zwischen Israel und der Hamas.

In dieser neuen Runde wurden aus dem Gazastreifen in hoher Schlagzahl bereits Hunderte Raketen auf Israel abgefeuert. Ein Sprecher des militärischen Arms der Hamas brüstete sich am Dienstag sogar in einer Art Rekordgier damit, dass innerhalb von nur fünf Minuten exakt 137 Raketen abgeschossen worden seien. "Viele mehr" würden noch folgen.

Die Raketen aus Gaza töten zwei Israelis in Aschkelon

Die meisten wurden vom Raketenabwehrsystem Iron Dome abgefangen oder schlugen im grenznahen Gebiet ein. Doch auch Ziele in größerer Entfernung geraten ins Visier, wie die Hamas schon am Montag mit ihrer Auftaktsalve in Richtung Jerusalem bewiesen hatte. Am Dienstag traf es zunächst die Küstenstadt Aschkelon, wo zwei Frauen getötet und zahlreiche weitere verletzt wurden, als Raketen direkt in Wohnhäuser einschlugen. Getroffen wurde dort auch ein Schulgebäude, das zum Glück leer stand. Zuvor hatte die Hamas angekündigt, Aschkelon "in eine Hölle" zu verwandeln. Die Armee rief alle Bewohner dort auf, in Schutzräumen zu bleiben.

Am Abend verlagerte sich der Schrecken dann nach Tel Aviv und Umgebung. Auch dorthin wurden in kürzester Zeit rund 130 Raketen abgefeuert, das Abwehrsystem war offenkundig überfordert. In Rischon starb eine Frau beim Einschlag einer Rakete in ihr Wohnhaus. In Holon wurde ein Bus getroffen, sechs Menschen wurden verletzt. Am internationalen Ben-Gurion-Flughafen wurde der Flugverkehr eingestellt.

Angespannt bleibt die Lage auch in Jerusalem - und angesichts der jüngsten Äußerungen des israelischen Polizeichefs Kobi Schabtai ist wohl so bald keine Entspannung zu erwarten. Nach viel Kritik am brutalen Vorgehen seiner Einsatzkräfte auf dem Tempelberg kündigte er nun an, die "Kinderhandschuhe" auszuziehen. Bislang habe man viel zu vorsichtig agiert.

Nahost: Hartes Vorgehen: Die Polizei treibt Protestierende rund um die Al-Aksa-Moschee in Jerusalem mit Tränengas auseinander.

Hartes Vorgehen: Die Polizei treibt Protestierende rund um die Al-Aksa-Moschee in Jerusalem mit Tränengas auseinander.

(Foto: Mahmoud Illean/AP)

An welchem Pulverfass er hier zündelt, war in der Nacht zuvor zu sehen, als, aufgestachelt durch die Vorfälle in Jerusalem und in zahlreichen anderen Städten, arabische Israelis randalierten. In Ramle wurden Synagogen verwüstet. In der Nachbarstadt Lod wurde während der Unruhen ein 25-jähiger Araber mutmaßlich durch Schüsse eines jüdischen Einwohners getötet.

Der Chef der arabischen Raam-Partei hat seine Teilnahme an Koalitionsgesprächen ausgesetzt

Aus der Regierung in Jerusalem sind inmitten der Kämpfe nur noch starke Worte zu hören. "Wir werde keine Angriffe auf unser Territorium, auf unsere Hauptstadt, auf unsere Bürger und auf unsere Soldaten hinnehmen", sagte Premierminister Benjamin Netanjahu. "Wer uns angreift, wird einen hohen Preis zahlen."

Unisono schlossen sich dem auch all jene politischen Kräfte an, die sich gerade in intensiven Verhandlungen darum bemühen, Netanjahu von der Macht zu verdrängen. Sein Gegenspieler Jair Lapid forderte "ein hartes und entschlossenes Vorgehen" - und kann dabei nur hoffen, dass die Kämpfe schnell beendet werden. Denn mit jedem Tag, an dem Raketen fliegen, sinken seine Chancen auf die Bildung einer Regierung. Mansour Abbas, Chef der arabischen Raam-Partei, hat seine Teilnahme an Koalitionsgesprächen erst einmal ausgesetzt. Die Gewalt zwischen den beiden Völkern macht ihm den geplanten Schulterschluss derzeit unmöglich.

So könnte die Hamas mit ihren Raketensalven am Ende ausgerechnet ihrem Erzfeind Netanjahu wieder eine Chance auf den Machterhalt verschafft haben. Eilig dürfte es Netanjahu deshalb wohl kaum haben, diese Kämpfe zu beenden.

© SZ
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