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Jerusalemer Vorort:"Wir lehnen es ab, Hauptstadt zu sein"

Willkommen in der Kapitale: Die Anmutung eines Machtzentrums geht dem durch die Sperranlage getrennten Abu Dis bisher ab.

(Foto: Emmanuel Dunand/AFP)
  • Trumps Friedensplan für den Nahen Osten sieht vor, dass der Jerusalemer Vorort Abu Dis Hauptstadt eines künftigen Palästinenserstaates werden könnte.
  • Der Bürgermeister des 30 000-Einwohner-Ortes lehnt das ab. "Unsere Hauptstadt ist Jerusalem", sagt er.
  • Er spricht sich für eine Teilung der Stadt aus und für Verhandlungen mit dem US-Präsidenten.

Die goldene Kuppel des Felsendoms in der Altstadt von Jerusalem leuchtet im Sonnenlicht in der Ferne, dazwischen liegt das riesige Gräberfeld auf dem Ölberg. "Mein Herz zieht es nach Jerusalem, auf die andere Seite der Mauer. Die Luft, die ich einatme, kommt aus Jerusalem. Unsere Hauptstadt ist Jerusalem", sagt Ahmad Abu Hilal, der Bürgermeister von Abu Dis.

Der 54-jährige Palästinenser steht auf dem Flachdach eines zweistöckigen Hauses, das einen Blick über die nur wenige Schritte entfernte sechs Meter hohe Mauer ermöglicht. Der von Israel errichtete Betonwall trennt Abu Dis von Jerusalem, teilt aber auch den Ort selbst, in dem 30 000 Menschen unter palästinensischer Verwaltung leben. "Abu Dis ist ein Teil von Jerusalem, der Vorort. Wir lehnen es ab, die Hauptstadt zu sein. Die Hauptstadt ist Jerusalem", sagt der Bürgermeister.

Abu Hilal hat die Präsentation des Nahostplans von US-Präsident Donald Trump vor dem Fernseher verfolgt. Erst kündigte Trump an, dass Jerusalem "die ungeteilte Hauptstadt Israels" bleibe. Dann stellte er den Palästinensern eine Hauptstadt im "östlichen Jerusalem" in Aussicht. Dass damit Abu Dis gemeint sein könnte, habe er nicht gleich verstanden, sagt Abu Hilal. "Herr Trump hat keine Ahnung von unserer Gegend." Ob ihn jemand von US-Seite gefragt habe, ob er damit einverstanden sei, dass sein Ort Hauptstadt eines palästinensischen Staates werden soll? Abu Hilal lacht: "Nein, niemand." Dabei hätte ein Blick genügt von dem Dach, auf dem er steht, um das Problem zu begreifen. Auf der anderen Seite hinter der Mauer weht die israelische Flagge - die Siedlung Kadimat Zion. Daneben stehen Häuser, die noch zu Abu Dis gehören. Wer ihre Bewohner von der palästinensischen Seite aus besuchen will, braucht eine Genehmigung.

Als hier 2005 mit dem Mauerbau begonnen wurde, achtete man nicht darauf, dass dadurch der Ort getrennt wird. Israel hat den Bau der Sperranlagen, die sich inzwischen auf 759 Kilometer belaufen, damit begründet, dass palästinensische Terroristen abgehalten werden sollen. Tatsächlich haben die Angriffe fast völlig aufgehört, was israelische Medien aber auch auf das Ende der Intifada zurückführen.

Hauptstadt nein, Gespräche ja: Ahmad Abu Hilal ist Bürgermeister von Abu Dis und lehnt Trumps Nahostplan ab. Reden sollten die Palästinenser mit dem US-Präsidenten dennoch, findet er.

(Foto: AFS)

Fragt man den Bürgermeister, warum er Abu Dis als Hauptstadt nicht akzeptiere, obwohl hier schon Mitte der Neunzigerjahre mit dem Bau eines Parlamentsgebäudes begonnen wurde, antwortet er mit einem Fingerzeig auf den Betonwall: "Die Mauer hat alles verändert. Die Mauer trennt uns von unserer Hauptstadt und den heiligen Stätten, dem Felsendom und der Al-Aqsa-Moschee. Und von unseren wirtschaftlichen Möglichkeiten und den Krankenhäusern." Vor dem Mauerbau habe er fünf Minuten nach Jerusalem gebraucht. Nun seien es 45 Minuten, weil er auch einen israelischen Checkpoint passieren müsse.

Für ihn ist eine Teilung Jerusalems die einzig gerechte Lösung: Der Westteil könne Hauptstadt Israels sein, der Ostteil Hauptstadt Palästinas. Danach gefragt, ob Palästinenserpräsident Mahmud Abbas mit Trump reden solle, gibt der Bürgermeister, der als unabhängiger Kandidat ins Amt kam, eine klare Antwort: "Er soll mit ihm sprechen. Vielleicht passiert etwas, und sie ändern etwas." Er fügt hinzu: "Die arabischen Führer haben den Plan auch abgelehnt. Und reden trotzdem mit Trump."

Wenige Kilometer weiter verteidigt im Rathaus von Eizaria, einem anderen Vorort Jerusalems, Bürgermeister Issam Faroun den palästinensischen Präsidenten und dessen Gesprächsverweigerung: "Abbas hat eine Botschaft über die Medien übermittelt. Wir lehnen diesen Deal ab und sind bereit, mit der internationalen Gemeinschaft zu reden", sagt Faroun, der Mitglied der von Abbas geführten Fatah ist.

Warum sich Trump in ihre Angelegenheiten einmischt, verstehen viele Palästinenser nicht

Auch Shirin Abu Hilal, die die palästinensische Nationalinitiative vertritt und sich als feministische Aktivistin bezeichnet, setzt auf Abbas. Im Gespräch mit Journalisten beantwortet sie die Frage, wie die Palästinenser den Plan stoppen wollen, damit, dass Abbas angekündigt habe, in den Gazastreifen zu fahren. Der Fatah-Chef wolle den Führer der Hamas treffen, geeint könnten sie diesen Kampf gewinnen, meint sie. Warum es bisher nur wenige Demonstrationen gegen den Plan gebe? "Vielleicht aus Frustration und Enttäuschung", erklärt die Aktivistin. Am Mittwochabend wird dann der erste Palästinenser im Zuge gewaltsamer Proteste in Hebron von israelischen Soldaten erschossen.

Er war erst 17 Jahre alt. Auch rund um den Gazastreifen nehmen die Spannungen zu. Militante Palästinenser feuerten am Abend Mörsergranaten auf Israel. Seit der Präsentation von Trumps Plan erreichten ein halbes Dutzend Raketen und mehrere Sprengstoff-Ballons Israel.

Für den 28-jährigen Palästinenser Mahmud Faroun, der ein Internetcafé in Abu Dis betreibt, ist es "unmöglich, dass wir Jerusalem als Hauptstadt aufgeben. Warum mischt sich Trump eigentlich in unsere Angelegenheit ein und gibt nur den Israelis Jerusalem als Hauptstadt?" Einige Hundert Meter weiter hat Bauarbeiter Abdullah Hassan, 59, einen Vorschlag: "Trump kann ihnen Washington oder New York als Hauptstadt geben, wenn er will." Aber er habe nicht das Recht, über die Palästinenser zu entscheiden.

© SZ vom 06.02.2020/mane
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