Naher Osten:Der unsichtbare Schutzschild

Naher Osten: Bis zur Ernennung zum Geheimdienstchef wurde er nur als Agent "R" geführt, nun weiß man, wie er heißt: Ronen Bar.

Bis zur Ernennung zum Geheimdienstchef wurde er nur als Agent "R" geführt, nun weiß man, wie er heißt: Ronen Bar.

(Foto: Yossi Zeliger/AFP)

Israels Inlandsgeheimdienst ist nicht so berühmt wie der Mossad, aber nicht weniger mächtig. Ronen Bar ist sein neuer Chef.

Von Peter Münch

Dass er Nerven hat wie Drahtseile, hat er vorige Woche schon einmal öffentlich unter Beweis stellen können. Ronen Bar war im Auto unterwegs zu einer entscheidenden Anhörung über seine Beförderung zum Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes Schin Bet. Anspannung pur, denn es gab ein paar Vorwürfe und Vorbehalte, die er auszuräumen hatte. Doch unterwegs auf der Autobahn hoch nach Jerusalem fand Bar dann noch die Zeit für eine Samariter-Aktion: Als er am Straßenrand ein brennendes Auto sah, hielt er an und half tatkräftig beim Löschen.

Die Fotos von dem künftigen Chef-Agenten als Feuerwehrmann fanden natürlich sogleich den Weg in die Medien - und das darf getrost als Teil einer Inszenierung verstanden werden, die den Israelis zeigen soll: Ronen Bar ist einer, der immer selbst mit anpackt. Einer, bei dem das Land in guten Händen ist. Das ist eine wichtige Botschaft, denn er ist von nun an an vorderster Front für die allgemeine Sicherheit zuständig.

Eine zentrale Aufgabe: Terrorattacken verhindern

Der Schin Bet, dessen Name sich aus den hebräischen Anfangsbuchstaben von Scherut Bitachon, zu deutsch: Sicherheitsdienst, ableitet, mag in der Außenwirkung nicht so schillernd und bekannt sein wie Israels Auslandsgeheimdienst Mossad. Im Innern aber erfüllt er zentrale Funktionen: Der Personenschutz für Regierungsmitglieder zählt ebenso dazu wie der Schutz von öffentlichen Gebäuden und der israelischen Fluglinie El Al. Vor allem aber ist er für Terrorismusbekämpfung zuständig. In den Palästinenser-Gebieten regt sich kaum etwas, was der Schin Bet nicht erfasst.

"Der unsichtbare Schutzschild", so lautet das offizielle Motto des Dienstes, der mit 5000 festen Mitarbeitern und einem dichten Netz an Zuträgern operiert. Gewalt gehört zum Geschäft, und einen zahlenmäßigen Einblick in die alltägliche Arbeit gewährte Bars Vorgänger Nadav Argaman bei der Zeremonie zur Amtsübergabe in dieser Woche: 2261 geplante Terrorattacken sind demnach durch die Arbeit des Schin Bet in seiner fünfjährigen Dienstzeit verhindert worden. 529 Taten wurden ausgeführt, 54 Israelis kamen dabei zu Tode.

Ronen Bar arbeitet bereits seit den frühen Neunzigerjahren für den Schin Bet. Doch erst mit der Ernennung an die Spitze ist er aus dem Nebel der Anonymität getreten, zuvor war er stets nur als Agent "R" geführt worden. Nun weiß man, dass er 55 Jahre alt und Vater dreier Kinder ist. Dass er ein Haus in einem Vorort von Tel Aviv bewohnt, gerne joggt, lange Strecken natürlich, und gutes Essen zu schätzen weiß.

Viel Erfahrung mit heiklen Einsätzen: Gaza, Westjordanland, Libanon

Akademisch kann er auf einen in Tel Aviv erworbenen Bachelor-Abschluss in Politik und Philosophie sowie einen Master in Management aus Harvard verweisen. Viel wichtiger allerdings ist seine Feld- und Kampferfahrung. Beim Militär hat er einst in der Elite-Einheit Sayeret Matkal gedient, ebenso übrigens wie Premierminister Naftali Bennett und dessen Vorgänger Benjamin Netanjahu. Beim Schin Bet hat er sich danach von der Pike auf hochgearbeitet. Nun rückt er vom Stellvertreterposten an die Spitze auf.

Gepriesen wird er als Mann der Praxis, mit reichlich Auszeichnungen und heiklen Einsätzen im Gazastreifen, im Westjordanland und im Libanon. Regierungschef Naftali Bennett lobt ihn als "waghalsigen Kämpfer", der mehr als einmal sein Leben riskiert habe zum Wohl des Landes. Und auch Weggefährten werden nun nicht müde, in den Medien seine Coolness und Courage zu loben.

Für einigen Wirbel hatte kurz vor der Ernennung allerdings noch ein anonymes Schreiben gesorgt, in dem Bar berufliches Fehlverhalten in zwei Fällen vorgeworfen wurde. Die konkreten Vorwürfe blieben geheim. Bar selbst sprach von alten und längst widerlegten Anschuldigungen. Davon konnte er dann auch die für eine Ernennung zuständige Kommission überzeugen. Zur entscheidenden Sitzung erschien er gerade noch pünktlich, trotz des Löscheinsatzes am Straßenrand.

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