Nahost:Ein unberechenbarer Gegner

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Nahost: Nach der Operation "Morgengrauen" bleiben 44 Todesopfer zurück und Zerstörung in Gaza-Stadt. Israel geht davon aus, dass die militärische Führung des Islamischen Dschihad deutlich geschwächt ist.

Nach der Operation "Morgengrauen" bleiben 44 Todesopfer zurück und Zerstörung in Gaza-Stadt. Israel geht davon aus, dass die militärische Führung des Islamischen Dschihad deutlich geschwächt ist.

(Foto: Ashraf Amra/IMAGO/ZUMA Wire)

Der Islamische Dschihad ist für Israel deutlich gefährlicher als die Hamas. Diese Palästinenserorganisation dürfte von der jüngsten Militäroperation profitieren - sogar ein weiteres Abkommen lockt.

Von Alexandra Föderl-Schmid

Der Grund, warum der Konflikt rund um den Gazastreifen nicht weiter eskaliert ist, liegt in der Zurückhaltung der Hamas. Die seit 2007 im Gazastreifen regierende Organisation hat sich in die Auseinandersetzung zwischen Israel und dem Islamischen Dschihad nicht direkt eingemischt. Die israelische Armee hat im Rahmen ihrer am Freitag gestarteten Militäroperation "Morgengrauen" vor allem hochrangige Kämpfer des Islamischen Dschihad ins Visier genommen - eine mit der Hamas rivalisierende Gruppierung. Damit profitiert die Hamas von einer Schwächung dieser innerpalästinensischen Konkurrenz.

Die Al-Quds-Brigaden, die den militärischen Arm des Islamischen Dschihad bilden, veröffentlichten am Montag eine Darstellung mit Bildern von zwölf Kämpfern, die in den vergangenen drei Tagen getötet wurden. Darunter sind ihr Militärchef Taisir al-Dschabari und der südliche Kommandeur des Islamischen Dschihad im Gazastreifen, Chalid Mansur, sowie dessen Stellvertreter.

Die israelische Armee sprach von einem Erfolg ihrer präzisen Schläge - auch wenn 44 Menschen gestorben sind, darunter mehrere Kinder und Frauen. Sogar US-Präsident Joe Biden drängte auf eine "rechtzeitige und gründliche Untersuchung all dieser Berichte" über zivile Opfer, auch wenn die USA die Militäraktion grundsätzlich gut hießen.

Die Führung des Islamischen Dschihad im Gazastreifen wurde stark dezimiert, gab jedoch ihre Einschätzung kund, dass der von Ägypten vermittelte Waffenstillstand, der Montagnacht in Kraft trat, eine "israelische Kapitulation" darstelle. Zumindest die Forderung nach Freilassung von Führungsmitgliedern und Kämpfern des Islamischen Dschihad, die sich in israelischen Gefängnissen befinden, wurden als Bedingung zu ihrer Zustimmung zu der Vereinbarung kolportiert. Israels Regierung erklärte am Montag, dass man nicht darauf eingehen werde.

Die militante Palästinenserorganisation sieht vor allem den massiven Raketenhagel auf Israel als ihren Erfolg an. Es wurde nicht nur rund tausend Geschosse binnen drei Tagen Richtung Israel abgefeuert, sondern sie erreichten auch Tel Aviv und Jerusalem, wo sie von der israelischen Raketenabwehr abgefangen wurden.

Das beträchtliche Waffenarsenal wird von Iran finanziert

Der Islamische Dschihad zeigte damit einmal mehr, dass sein bewaffneter Arm, die al-Quds-Brigaden, über ein beträchtliches Arsenal an Raketen und Mörsergranaten verfügt. Das Geld für die Beschaffung stammt aus Iran, die Einfuhr gelingt trotz Abriegelung über Ägypten. Die Komponenten werden dann im Gazastreifen zusammengeschraubt - was nicht immer gelingt. Nach Angaben der israelischen Armee schafften es in den vergangenen drei Tagen 160 Raketen nicht aus dem Gazastreifen heraus. Die Hamas verfügt, nach Einschätzung israelischer Experten, über besseres Material und Raketen mit größerer Reichweite.

Die beiden Organisationen, die von der EU und USA als Terrororganisationen eingestuft werden, eint die Feindschaft gegen Israel. Doch zugleich stehen sie in Konkurrenz zueinander und verfolgen unterschiedliche Strategien. Der Islamische Dschihad hat sich als Speerspitze der Iraner in den palästinensischen Gebieten etabliert, die Training, Expertise und vor allem Geld zur Verfügung stellen. Ihr Anführer Ziad al-Nakhalah traf sich gerade in Teheran mit dem iranischen Präsidenten Ebrahim Raisi, als die israelische Militäroperation begann.

Ibrahim Freihat vom Doha-Institut beschreibt den Islamischen Dschihad und seinen militärischen Arm als "sehr effizient und sehr gut organisiert". Es gebe eine starke Ordnung innerhalb der Organisation, die sich nach der gezielten Tötung ihrer Anführer im Gazastreifen wohl neu formieren wird.

Der Islamische Dschihad ist bedeutend kleiner als die Hamas. Die Zahl der aktiven Kämpfer wird auf mindestens tausend geschätzt - die Hamas soll auf mehr als 5000 zählen können. Anders als die Hamas und die im Westjordanland regierende Fatah lehnt die Organisation Verhandlungen über einen Frieden mit Israel ab und nimmt auch nicht an Wahlen teil, sie konzentriert sich ganz auf den bewaffneten Kampf gegen Israel.

Die kompromisslosen Kämpfer gewinnen Respekt bei der Bevölkerung

Der Islamische Dschihad erfreute sich in den vergangenen Jahren insbesondere im Gazastreifen großen Zulaufs. Während sich die seit 2007 in der abgeschotteten Küstenenklave regierende Hamas zunehmend an der Macht verschleißt und die Menschen unter der harten Hand der Herrscher murren, sammeln die kompromisslosen Dschihad-Kämpfer Respektpunkte bei Teilen der Bevölkerung, denen die Hamas zu kompromissbereit erscheint.

Die Organisation gibt es schon etwa zehn Jahre länger als die Hamas. Sie entwickelte sich Ende der 70er-Jahre aus ehemaligen palästinensischen Mitgliedern der ägyptischen Muslimbruderschaft. Der Islamische Dschihad wird für Bombenanschläge in Libanon, aber auch Selbstmordattentate verantwortlich gemacht.

Israel erwächst damit ein mächtiger Gegenspieler, der weitaus unberechenbarer ist als die Fatah oder die Hamas. Israelische Regierungsvertreter ließen am Montag Medien wissen, dass man nun eine weiter reichende Vereinbarung mit der Hamas anstrebe - was Beobachter als eine Art Belohnung für das Nichteingreifen in der jüngsten Auseinandersetzung bewerten.

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