Israel:Operationen mit Todesfolge

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Yasser Arafat and Abu Jihad

Der berühmteste Fall: Abu Dschihad (links), der Vize von Palästinenserchef Arafat, wurde 1988 getötet. 25 Jahre später gestand Israel.

(Foto: Herve Merliac/picture alliance/AP)

"Einige Tötungen waren es nicht wert": 70 Jahre nach der Gründung des israelischen Geheimdienstes Mossad ziehen drei ehemalige Chefs kritisch Bilanz.

Von Alexandra Föderl-Schmid, Tel Aviv

Geheimdienstchefs sind normalerweise verschwiegen - auch wenn sie nicht mehr im Amt sind. Aber zum 70. Geburtstag einer Institution wie dem berühmt-berüchtigten israelischen Geheimdienst Mossad kann man schon einmal eine Ausnahme machen. Gleich drei frühere Mossad-Chefs gaben dem eigentlich nur Insidern bekannten Journal of the Intelligence Heritage and Commemoration Center ein Interview, das von israelischen Medien aufgegriffen worden ist. Denn Nahum Admoni, Danny Yatom und Tamir Pardo gaben nicht nur Anekdoten preis, sondern gestanden sogar Fehler ein. Außerdem äußerten sie sich freimütig über eine umstrittene Praxis, über die Einsatzkräfte und Geheimdienstleute erst recht gerne schweigen: gezielte Tötungen.

Die Ermordung einer Person wird damit gerechtfertigt, dass dies eine Reaktion auf einen Angriff oder Anschlag sei oder als Vorsichtsmaßnahme angeordnet wurde, etwa um geplante Attentate zu verhindern. Dazu gehören Operationen während militärischer Einsätze wie dem Gazakrieg oder solche während des Palästinenseraufstandes, der Intifada.

Sehr selten bekennt sich Israel zu einer Tat: bei einer Warnung und wenn etwas schiefging

Der Mossad war aber auch im weiter entfernten Ausland aktiv: Es gibt gezielte Tötungen, die israelischen Agenten im Nahen Osten, in Asien, Afrika und auch in Europa zugeschrieben werden. Laut israelischen Medien sollen es insgesamt 50 bis 60 Tötungen sein. Ins Visier genommen wurden Politiker, Wissenschaftler und Anführer geheimer Organisationen.

Nur in den allerseltensten Fällen bekennt sich Israel zu einer solchen Tat - vor allem dann, wenn eine Warnung damit verbunden oder etwas schiefgegangen ist. So hat Israel sein Bedauern über den Tod von Ahmed Bushiki ausgedrückt und 400 000 Dollar an seine Familie gezahlt. Der aus Marokko stammende Kellner war 1973 auf offener Straße im norwegischen Lillehammer erschossen worden. Er war mit Ali Hassan Salameh verwechselt worden, der als Drahtzieher des Attentats auf die Olympischen Spiele in München 1972 galt, bei dem elf israelische Geiseln getötet wurden. Beteiligte Akteure haben auch den Anschlag auf den Hisbollah-Führer Abbas Musawi 1992 in Libanon eingestanden, dem Hassan Nasrallah nachgefolgt ist.

Zu jenen Fällen, die am meisten Aufsehen erregten, gehörte die Ermordung von Chalil al-Wasir, bekannt unter dem Namen Abu Dschihad. Er war der Stellvertreter des damaligen Palästinenserführers Jassir Arafat, mit dem er die PLO gegründet hatte. Abu Dschihad wurde 1988 in Tunis getötet. Erst 25 Jahre später gestand Israel die Tat ein - und auch nur deshalb, weil die Hintergründe Nahum Lev publik gemacht hatte. Unter seinem Kommando stand die Aktion damals. Kurz vor seinem Unfall-Tod im Jahr 2000 hatte er noch mit der Zeitung Jedioth Ahronot gesprochen.

"Einige Tötungen waren es nicht wert. Andere haben nichts gebracht", sagt Nahum Admoni

Israel warf Abu Dschihad eine Serie tödlicher Anschläge vor, darunter ein Angriff auf einen Bus 1978, bei dem 38 Israelis getötet wurden. Ende 1987 soll er die erste Intifada in den palästinensischen Gebieten organisiert haben. "Im Rückblick glaube ich nicht, dass die Tötung von Abu Dschihad irgendetwas am Kurs der Intifada geändert hat", meint nun der inzwischen 91-jährige Nahum Admoni, der den Mossad zwischen 1982 und 1989 geleitet hatte. In dem Interview mit dem Fachjournal fügt er hinzu: "Es gab Tötungsoperationen, die es wert waren. Einige von denen waren es nicht wert. Andere wiederum haben gar nichts gebracht." Auch Tamir Pardo, der den Mossad zwischen 2011 und 2016 leitete, sieht die gezielten Tötungen kritisch. Man komme zum Ergebnis, "wenn man das Thema über viele Jahre beurteilt, dass der strategische Wert dieser Methode begrenzt zu sein scheint".

1997 musste Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zugeben, dass Mossad-Agenten versucht haben, den Chef des Politbüros der radikalislamischen Hamas, Chalid Maschal, in Jordanien mit Gift umzubringen. Auch das sei ein Fehler gewesen, gesteht der damalige Mossad-Chef Yatom ein, wenngleich er versichert: "Der Mossad hat den Angriff nicht empfohlen." Allerdings wolle er sich nicht aus der Verantwortung stehlen. Er hätte versuchen können, Netanjahu davon abzuhalten.

Der israelische Journalist Ronen Bergman, der über tausend Interviews für sein 2018 erschienenes Buch "Der Schattenkrieg. Israel und die geheimen Tötungskommandos des Mossad" geführt hat, kennt die drei Ex-Geheimdienstchefs persönlich. Für ihn war daher "nichts wirklich neu" an deren Aussagen - mit einer Ausnahme: dass Admoni die Tötung von Abu Dschihad offen als Fehler bezeichne. Er stimmt Admonis Bewertung zu, dass dies nichts an der Intifada geändert habe. "Sie haben die Person beseitigt, aber nicht das Problem. Und das aus falschem Grund." Denn Abu Dschihad soll gar kein führender Organisator der Intifada gewesen sein.

Laut Bergmans Recherchen hat der Mossad bei all seinen Operationen mindestens 3000 Menschen getötet, darunter nicht nur die Zielpersonen, sondern auch Unschuldige, die zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen sind. Allein während der zweiten Intifada gab es laut Bergman Tage, an denen vier bis fünf "gezielte Tötungen" angeordnet worden seien, zumeist Mitglieder der Hamas.

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