Israel:Liebesgrüße aus Gaza

Facebook Hamas

Einige Soldaten luden beim Chat mit den vermeintlichen Damen einen gefährlichen Trojaner auf ihren Rechner.

(Foto: oh)

Israelische Soldaten sind Hackern der Hamas auf den Leim gegangen. Diese hatten sich in Chatrooms als flirtwillige Frauen ausgegeben.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Die Fotos waren durchaus vielversprechend, und manch ein israelischer Soldat war schnell entwaffnet, als er von einer aparten Schönen namens Karen oder von der geheimnisvollen Aitai eine Freundschaftsanfrage auf Facebook erhielt. Es folgten Chats über das Leben und die Liebe, "mein Süßer" hier und "Baby" da - und schon saß der Soldat in einer honigsüßen Falle. Denn die virtuelle Freundin ist in Wahrheit wohl eher ein bärtiger Islamist gewesen. Die Liebesgrüße nämlich kamen aus Gaza.

Mit einiger Verwunderung hat die israelische Armee nun bekannt gegeben, dass sie zum Ziel einer Cyber-Attacke aus dem abgeriegelten palästinensischen Küstenstreifen geworden ist. Getarnt als hübsche Israelinnen hätten die Hacker der Hamas gezielt Kontakt gesucht zu den Soldaten, hätten sie mit perfektem hebräischem Jugendslang um den Finger gewickelt und sie am Ende aufgefordert, eine App herunterzuladen, um sich in einem Video-Chat noch ein bisschen besser kennenzulernen.

Diese App jedoch war in Wirklichkeit ein Trojaner, mit dem sich die Hacker Zugang zu den Handys ihrer Opfer verschafften. Ohne dass die Soldaten Verdacht schöpften, wurde ihr Smartphone zum ferngesteuerten Spionagewerkzeug. Alle Kontakte, Fotos und Nachrichten konnten heimlich heruntergeladen werden. Noch weitaus gefährlicher aber erscheint es, dass auch Kameras und Mikrofone von außen aktiviert werden konnten. Die von einer meterhohen Mauer eingeschlossenen Feinde konnten sich so, zumindest theoretisch, in aller Ruhe in Kasernen umsehen oder Lagebesprechungen belauschen.

Die sittenstrengen Kämpfer tarnten sich ausgerechnet als Bikini-Schönheiten

Von den Sprechern der Armee ist nun beschwichtigend zu hören, dass der tatsächliche Schaden dann doch nicht allzu groß gewesen sei. Der ganze Coup war aufgeflogen, weil die vermeintlichen Damen stets sofort verschwanden, nachdem sie ihre Opfer zum Herunterladen der Chat-App animiert hatten. Da schwante manchem wohl ein Unheil, einige Soldaten wandten sich an ihre Kommandeure. Den monatelangen Nachforschungen zufolge sollen insgesamt weniger als hundert Soldaten mit ihren Handys in die Cyber-Falle getappt sein. Allerdings, so heißt es, habe die Hamas auch noch zahlreiche Facebook-Gruppen infiltriert, in denen sich israelische Soldaten oder Reservisten austauschen.

Als Konsequenz aus diesen Vorfällen wird bei Israels Armee nun eine lange Liste von Regeln im Umgang mit sozialen Medien erstellt. Als Erstes tut wohl Aufklärung Not: Alle Soldaten sollen künftig in Schulungen lernen, welche Gefahren auf den virtuellen Schlachtfeldern lauern. Eingeschärft wird ihnen dann, dass sie nicht auf Freundschaftsanfragen eingehen dürfen von Personen, die sie nicht kennen. Außerdem sollen sie keine Applikationen herunterladen, die nicht aus dem offiziellen App-Store kommen. Für Teile der Truppe könnte zudem der Zugang zu sozialen Netzwerken überhaupt limitiert werden. Bislang sind davon nur Angehörige des Militärgeheimdienstes, Piloten und höhere Offiziere betroffen. Künftig soll es auch vielen anderen verboten werden, sich auf Facebook, Twitter oder Instagram als Soldat zu outen.

Aus Gaza war indes weder eine Bestätigung noch ein Dementi zu den israelischen Vorwürfen einer Cyber-Attacke zu hören. Das könnte daran liegen, dass die Menschen dort gerade wegen ständiger Stromausfälle ganz andere Sorgen haben. Vielleicht aber schweigt die Hamas auch, weil sie weiß, dass auf den Straßen gleich der Spott eingesetzt hat über diesen Coup. Schließlich lässt die Führung ihre Kassam-Brigaden ständig martialisch durch die Straßen patrouillieren, um die Israelis das Fürchten zu lehren. Und dann enthüllt die israelische Armee, dass sich diese sittenstrengen Kämpfer ausgerechnet als Bikini-Schönheiten tarnen, um dem Feind eins auszuwischen.

© SZ vom 13.01.2017
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