Eskalation:Spiel mit höchstem Risiko

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„Das Risiko wächst Tag für Tag“: Isralis suchen Schutz bei Raketenalarm in Kirjat Schmona. (Foto: Ayal Margolin /REUTERS)

Seit Monaten liefern sich Hisbollah-Kämpfer und israelische Soldaten Gefechte an der Grenze zu Libanon. Jederzeit könnten sie zu einem neuen Krieg führen.

Von Paul-Anton Krüger

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat am Sonntag angekündigt, dass im Krieg im Gazastreifen die Phase intensiver Kampfhandlungen bald enden könnte. Allerdings verband der Regierungschef das mit einer Ankündigung, die nicht nur in Washington aufhorchen ließ. Wenn die Präsenz der Streitkräfte im Gazastreifen verringert werde, dann „können wir Truppen in den Norden verlegen“, sagte er – an die Grenze zu Libanon.

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Dort liefern sich Israel und die von Iran unterstützte Schiiten-Miliz Hisbollah seit Monaten einen zunehmend heftigen militärischen Schlagabtausch, der sich schnell zu einem Regionalkrieg ausweiten könnte. „Das Risiko einer nicht beabsichtigten Eskalation und eines allumfassenden Krieges wächst Tag für Tag“, warnte Außenministerin Annalena Baerbock am Dienstag in Jerusalem, bevor sie nach Beirut weiterreiste, um dort mit dem geschäftsführenden Premierminister Nadschib Mikati und Außenminister Abdallah Bou Habib zu sprechen.

In Washington schickte die Regierung Generalstabschef Charles Brown mit einer Warnung vor. Die USA würden Israel nicht in gleicher Weise helfen können, sich zu verteidigen, wie bei dem direkten Angriff Irans im April mit Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen, sagte er. Auch sei nicht auszuschließen, dass Iran in einen Krieg eintrete, sollte die Islamische Republik die von den Revolutionsgarden Anfang der Achtzigerjahre in der Bekaa-Ebene aufgebaute Hisbollah in ihrer Existenz bedroht sehen – und damit Teherans politischen Einfluss in Libanon, seine dominierende militärische Machtposition im Land und die gesamte gegen Israel gerichtete „Achse des Widerstands“, die auch Syrien und schiitische Milizen im Irak umfasst.

Die Hisbollah hatte bereits am Tag nach der Terrorattacke der Hamas aus dem Gazastreifen Israel im Norden angegriffen. Ihre Elitetruppe, die Radwan-Einheit, zerstörte systematisch Anlagen zur Grenzsicherung. Die Grenze, blaue Linie genannt, wird von der UN-Mission Unifil überwacht; Deutschland führt deren Marine-Komponente und stellt eine Fregatte. Über die Monate hat die Intensität der Attacken weiter zugenommen, Israel reagiert mit Artilleriebeschuss auf den Süden Libanons, aber auch mit Luftangriffen auf Kader der Hisbollah in anderen Teilen des Landes. 28 Israelis sind bisher getötet worden, 17 Soldaten und elf Zivilisten. Auf libanesischer Seite soll es an die 500 Todesopfer geben, die meisten von ihnen Kämpfer der Hisbollah oder anderer militanter Gruppen, aber auch 80 Zivilisten.

Inzwischen zerstört die Miliz mit Panzerabwehrwaffen und Raketen systematisch Wohngebäude und Infrastruktur in Ortschaften auf der israelischen Seite; in einen Streifen von acht Kilometern Breite dürfen die Bewohner nach wie vor nicht zurück. Mindestens 60 000 Israelis, die dort lebten, sind in Hotels und Unterkünften in anderen Teilen des Landes untergebracht. Innenpolitisch steigt der Druck auf Netanjahu, ihnen eine Rückkehr zu ermöglichen. Damit begründete er auch die Verlegung von Truppen in den Norden. Dies sei eine defensive Maßnahme. Er bevorzuge eine diplomatische Lösung, erklärte Netanjahu, es gebe aber auch andere Möglichkeiten. Die israelischen Streitkräfte haben ihre Operationsplanung jedenfalls abgeschlossen. In Libanon wurden mehr als 100 000 Menschen aus dem Grenzgebiet vertrieben.

In Israel halten viele einen neuen Waffengang für unvermeidlich

Nach der UN-Resolution 1701, die der Sicherheitsrat zur Beendigung des Libanon-Kriegs im Jahr 2006 verabschiedet hatte, dürften sich südlich des Flusses Litani nur UN-Blauhelme und Soldaten der libanesischen Streitkräfte aufhalten. De facto kontrolliert aber die Hisbollah das Grenzgebiet, hat dort einen Gutteil ihrer mindestens 50 000 Kämpfer stationiert, von denen viele Kampferfahrung in Syrien gesammelt haben. Auch hat sie Zehntausende Kurz- und Mittelstreckenraketen versteckt, oft in vermeintlich zivilen Gebäuden. Weder die Regierungsarmee noch die UN-Truppe hindern sie daran. Israel fordert nun, dass die Resolution eingehalten werden müsse. Darauf dringen auch westliche Vermittler.

Die USA hatten vergangene Woche ihren Sondergesandten Amos Hochstein nach Beirut geschickt. Französische Diplomaten sagten, die Hisbollah mache eine Feuerpause davon abhängig, dass Israel seine Militäroperation im Gazastreifen beende – eine Bedingung, die Israel und die meisten westlichen Staaten ablehnen. Frankreich drängte Israel dennoch zu einer Feuerpause, was Israels Verteidigungsminister Joav Gallant als „feindliche Politik“ geißelte.

In Israel macht sich, befeuert von der Regierung, die Stimmung breit, dass ein Krieg im Norden unvermeidlich sei – auch wenn dieser weit größere Verheerungen mit sich bringen dürfte und der Ausgang ungewiss ist. Die Hisbollah kann laut westlichen Geheimdiensten mit ihrem Arsenal von geschätzt 150 000 bis 200 000 Raketen Israels Abwehrsysteme überfordern und jeden Punkt des Landes erreichen. Israel hatte im Krieg 2006 zwar die Hisbollah-Hochburg im Süden Beiruts bombardiert und versucht, Stellungen und Waffendepots in Südlibanon zu zerstören. Einen eindeutigen Sieg gegen die Hisbollah hatten die Streitkräfte aber nicht errungen. Die Chancen dürften diesmal kaum besser stehen, hatte die Hisbollah doch bald neun Monate Zeit, sich auf einen Waffengang einzurichten.

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