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Israel:Leichtes Aufatmen

Coronakoordinator Ronni Gamzu.

(Foto: picture-alliance/dpa)

Israel lockert nach fallenden Infektionszahlen den Lockdown - doch soziale Konflikte bleiben: Ladenbesitzer verbrennen nun unverkäufliche Ware, Restaurants müssen schließen.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Der Lockdown wird gelockert, nach einem Monat der Abriegelung sollen die Israelis von diesem Sonntag an wieder mehr Bewegungsfreiheit bekommen. Aufgehoben wird laut Beschluss des sogenannten Corona-Kabinetts das Verbot, sich mehr als einen Kilometer von der eigenen Wohnung zu entfernen. Kindergärten und Vorschulen sollen wieder öffnen, auch Betriebe ohne Kundenverkehr, dazu noch die Strände und Naturparks. Besuche bei der Familie oder bei Freunden werden wieder erlaubt. Es bleiben allerdings die Versammlungsbeschränkungen, die lediglich Zusammenkünfte von bis zu zehn Menschen in geschlossenen Räumen und 20 draußen gestatten.

Ein Anfang ist das nur, vieles bleibt weiterhin versperrt und verboten. Doch es geht ein leichtes Aufatmen durchs Land, weil die Corona-Infektionszahlen deutlich sinken. Nach einem Höchststand von fast 9000 Fällen konnten die täglichen Zahlen in dieser Woche erstmals wieder unter 2000 gedrückt werden. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu, der wegen der überhasteten Öffnung nach der ersten Viruswelle im Frühjahr zumindest eine Mitschuld am dramatischen Rückfall eingeräumt hatte, ist schon wieder in den Eigenlob-Modus gewechselt. "Der Lockdown ist bis jetzt ein gewaltiger Erfolg", verkündet er. "In anderen Ländern, vor allem in Europa, reden sie bereits über diesen Erfolg." Beim genaueren Blick aufs eigene Land müsste er jedoch erkennen, dass dieser "Erfolg" bestenfalls ein Pyrrhussieg ist.

Ladenbesitzer in Tel Aviv haben in dieser Woche ihre unverkaufte Konfektionsware auf der Straße verbrannt, als Zeichen des Protests und mehr noch der Hoffnungslosigkeit. Ihre Geschäfte werden bis auf Weiteres geschlossen bleiben, ebenso wie Bars, Hotels, Fitnessstudios und vieles andere. Enorme Wut braut sich da zusammen, auch gegen die Regierung, von der nur noch 30 Prozent glauben, sie gehe verantwortungsvoll mit der Corona-Krise um. Selbst große Handelsketten drohen damit, unerlaubt die Läden zu öffnen. Manche finden Schlupflöcher wie jene Blumenverkäufer, die nun auch ein wenig Obst in der Auslage halten, weil Lebensmittelläden öffnen dürfen. Doch am großen Firmensterben ändert das wenig. Schätzungen zufolge werden in diesem Jahr mehr als 80 000 aufgeben. Allein von den landesweit 14 000 Restaurants, denen nun neben dem Liefer- auch ein Abholservice erlaubt wird, werden demnach höchstens 9000 überleben. Mehr als eine Million der insgesamt neun Millionen Israelis sind arbeitslos.

Zudem hat das Virus den jüdischen Staat zweigeteilt: in ein säkulares und ein ultra-orthodoxes Land. Im religiösen Sektor werden die Corona-Regeln und -Verbote nur sehr begrenzt eingehalten, nicht selten offen ignoriert. Als Ergebnis liegen dort die Infektionszahlen oft zehnmal höher als im Rest des Landes. Während im Durchschnitt die Rate der positiven Tests inzwischen wieder auf fünf Prozent gesunken ist, bleibt sie dort immer noch zweistellig und lag teils bei 25 Prozent.

Darin liegt nicht nur ein enormes gesundheitliches Problem, sondern auch ein gesellschaftlicher Sprengsatz. Denn nach dem Ampelplan des israelischen Corona-Koordinators Ronni Gamzu müssen alle "roten" Bezirke im Lockdown bleiben. So beschloss es auch das Kabinett am Freitagabend. In fünf ultra-orthodoxen Städten und einigen Jerusalemer Stadtvierteln bleiben also die Restriktionen vorerst bis Mittwoch in Kraft. Nun ist mit Widerstand von einflussreichen Rabbinern und religiösen Politkern zu rechnen, von deren Unterstützung Netanjahu abhängig ist. Eindringlich gefordert wird von ihnen zudem die Öffnung der Jeschiwot, der Torah-Schulen, während alle anderen Schulen geschlossen bleiben sollen. Wenn Netanjahu jedoch jetzt wie so oft wieder den Forderungen der Ultra-Orthodoxen nachgibt, dürfte dies die Proteste im säkularen Lager anheizen. Die Lockdown-Lockerungen sind also für den Premier auch ein politisch heikles Unterfangen, und überdies ist ein weiter Weg zu gehen. Ausgearbeitet wurde vom Gesundheitsministerium ein Acht-Stufen-Plan für die Öffnung, der bis ins nächste Jahr reicht. Und auch Rückschritte sind jederzeit möglich.

© SZ vom 17.10.2020

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