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Israel:Konkrete Bedrohung

Hezbollah Secretary General Hassan Nasrallah speech, Baalbek, Lebanon - 25 Aug 2019

Hassan Nasrallah, Anführer der Schiitenmiliz Hisbollah, hier bei einem Fernsehauftritt in Baalbek im Libanon.

(Foto: Al-Manar/Shutterstock)

Israel enthüllt Raketenpläne der Hisbollah-Miliz im Libanon. Premier Benjamin Netanjahu will damit die internationale Gemeinschaft aufrütteln. Der Anführer der Hisbollah schwört Rache für einen Drohnen-Angriff.

Von Alexandra Föderl-Schmid, Tel Aviv

Israel hat sich zu einem ungewöhnlichen Schritt entschlossen: Die Armee veröffentlichte umfangreiches Material. Es soll beweisen, dass die Schiitenmiliz Hisbollah mit Hilfe Irans Präzisionsraketen in Libanon herzustellen versucht. Nach Angaben von Armeesprecher Jonathan Conricus hätten Iran und Hisbollah ihre Bemühungen in den vergangenen Monaten vorangetrieben. Mit diesen Präzisionsraketen könnten Ziele bis auf wenige Meter Abweichung genau anvisiert werden. Sie sind damit genauer als die bisher verfügbaren Raketen der Hisbollah, deren Bestand die israelische Armee auf rund 130 000 schätzt. Die Armee veröffentlichte außerdem die Namen von drei Mitgliedern der iranischen Revolutionsgarden und eines Hisbollah-Kommandanten, die für das Programm verantwortlich sein sollen.

Die israelische Armee begründete diese überraschende Informationsoffensive damit, dass die libanesische Regierung und die internationale Gemeinschaft aufgerüttelt werden sollten. Premierminister Benjamin Netanjahu, der auch Verteidigungsminister ist, richtete sich mit einer Warnung an die arabischen Staaten: "Wir werden nicht am Rande stehen und unseren Gegnern erlauben, tödliche Waffen zu erwerben, die gegen uns gerichtet werden können. Diese Woche habe ich unseren Gegnern schon gesagt, sie sollten mit ihren Aktionen vorsichtig sein. Jetzt sage ich ihnen: Passt auf!" Die beiden letzten Worte sprach er auf Arabisch aus.

Nach Einschätzung des israelischen Militäranalysten Roni Daniel ist dieses Programm "ein potenzieller Casus belli". Für Assaf Orion vom Institut für nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv zeigt sich, "dass Israel nicht einfach warten und zuschauen will, wie die Bedrohung wächst".

In den vergangenen Tagen war Israels Armee von einem Schattenkrieg zu einer offenen Konfrontation gewechselt und hatte Angriffe auf Iran und seine Verbündeten in Syrien, in Libanon und im Irak durchgeführt. Dass Israel neuerdings einzelne Aktionen eingesteht, hat damit zu tun, dass man sich auch von den USA im Kampf gegen Iran alleingelassen fühlt. Netanjahu soll laut israelischen Medienberichten "verzweifelt" versucht haben, US-Präsident Donald Trump telefonisch zu erreichen, um ihn von einem Treffen mit Repräsentanten Irans abzuhalten.

In den vergangenen Jahren hatte Israel nach Angaben des früheren Generalstabschefs Gadi Eisenkot Tausende iranische Stellungen in Syrien angegriffen, ohne dies einzugestehen. Nun hat Israels Armee das Netzwerk Irans in der gesamten Region im Visier und weitet den Radius aus.

Im Lichte der jüngsten Veröffentlichungen dürften Meldungen stimmen, dass Anfang der Woche Israel versucht haben soll, mit Hilfe von Drohnen eine Anlage zur Herstellung von Präzisionsraketen nahe Beirut zu treffen. Zwei Drohnen waren explodiert, eine soll mit Sprengstoff geladen gewesen sein. Libanons Armee eröffnete das Feuer auf weitere Drohnen in ihrem Luftraum. Libanons Präsident Michel Aoun sah in dem Angriff eine "Kriegserklärung", Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah schwor Rache.

Israels Armee nimmt diese Drohungen ernst. Allen an der Grenze im Norden stationierten Kampfsoldaten wurde untersagt, an diesem Wochenende ihre Standorte zu verlassen. Israelische Armeefahrzeuge sollen aus Furcht vor Angriffen von Scharfschützen aus Libanon mit Attrappen ausgestattet worden sein.

Der UN-Sicherheitsrat warnte in einer Resolution in der Nacht zum Freitag vor neuen Gewalteskalationen zwischen Israel und Libanon. Verstöße gegen einen Waffenstillstand könnten zu "einem neuen Konflikt führen, den keine der Parteien oder die Region sich leisten kann". Das Mandat der 10 500 Mitglieder starken UN-Friedensmission im Süden Libanons bis zum 31. August 2020 wurde einstimmig verlängert.

Eskalieren könnte auch die Situation im Gazastreifen. Dort sind Konflikte zwischen der regierenden radikalislamischen Hamas und Salafisten ausgebrochen, die hinter dem tödlichen Anschlag auf drei Polizisten am Mittwoch stecken sollen. Nach Einschätzung von Sicherheitsexperten steigt der Druck auf die Hamas, die Waffenruhe mit Israel aufzukündigen.

© SZ vom 31.08.2019
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