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Nahost:Wehmut auf der Friedensinsel

Die Israelis nennen das Gebiet Naharayim ("zwei Flüsse"), die Jordanier Baqura: Seit 24 Jahren ist es als Ausflugsziel bei Israelis beliebt, nun soll die Verpachtung vonseiten Jordaniens aufgekündigt werden.

(Foto: Ariel Schalit/AP)

Vor 25 Jahren vereinbarten Israel und Jordanien gute Beziehungen - danach durfte Israel einen 80 Hektar großen Landstrich nutzen. Nun fordert Jordanien das Gebiet zurück. Ein Besuch.

Von Alexandra Föderl-Schmid, Naharayim

"Wir wissen nicht, wie es von Samstag an weitergeht. Mit uns spricht keiner", sagt Shai Hadar. Er bietet Touren auf die "Friedensinsel" an - jenes 80 Hektar große Gebiet, das zwar zu Jordanien gehört, aber seit zweieinhalb Jahrzehnten von Israelis genutzt wird: Für die Landwirtschaft und als Ausflugsziel.

Damit soll nun Schluss sein. Denn Jordaniens König Abdullah II. hat nach massivem innenpolitischem Druck im Vorjahr einen Passus des mit Israel am 26. Oktober 1994 unterzeichneten Friedensvertrages genutzt. Demnach kann die Verpachtung des Landes auf dieser Halbinsel und einer weiteren Fläche bei Zofar weiter südlich erstmals nach 24 Jahren aufgekündigt werden. Dieser Schritt wird ein Jahr später wirksam. Die Übergabe soll am 10. November stattfinden oder möglicherweise schon an diesem Wochenende, dem Jahrestag der Unterzeichnung des Friedensvertrags vor einem Vierteljahrhundert. "Wir bekommen keine offiziellen Informationen", klagt Hadar.

Amman hat vor zwei Wochen erschienene israelische Medienberichte umgehend zurückgewiesen, wonach Jordanien es Israelis weiter erlaubt, die zwei Landstriche zu nutzen. Die Entscheidung sei "final und irreversibel", erklärte der Sprecher des Außenministeriums.

Jordanien ist nach Ägypten das zweite Land, mit dem Israel einen Friedensvertrag unterzeichnet hat. Aber die Beziehungen sind frostig geworden. Dazu tragen die immer wieder aufflammenden Auseinandersetzungen rund um den von Jordanien verwalteten Tempelberg in Jerusalem bei. 2017 führte die Erschießung zweier Jordanier in der israelischen Botschaft zu einer diplomatischen Krise. Auch um die persönlichen Beziehungen zwischen dem König und Israels Premierminister Benjamin Netanjahu ist es nicht zum Besten bestellt. Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag der Unterzeichnung des Friedensvertrags sind auf keiner Seite vorgesehen.

Sowohl in Israel als auch in Jordanien hoffen viele, dass sich das Verhältnis verbessert, falls in Jerusalem die Regierung wechselt. Vergangenen Freitag fuhr der mögliche künftige Premier Benny Gantz nach Naharayim und versprach: "Wenn ich Israel führe, werde ich alles in meiner Macht Stehende tun, um das Friedensabkommen mit Jordanien zu stärken und die Beziehungen weiterzuentwickeln."

Aber das kann noch dauern. Im Kibbuz Ashdot Yakoov, wo man sich um den Anbau von Weizen, Zwiebeln und Knoblauch auf der anderen Seite des Grenzzauns gekümmert hat, rief man Bewohner und Besucher auf, noch einmal nach Naharayim zu kommen. Dem Appell folgten Hunderte Israelis in den vergangenen Tagen. So viel Interesse wie noch nie registriert Hadar an seinen Touren: "Viele sehen es tatsächlich als letzte Chance, noch einmal auf die jordanische Seite zu gelangen."

Die israelischen Bauern wandten sich an König Abdullah. Jerusalem tut ihnen zu wenig

Umgerechnet neun Euro kostet die Tour. In Fahrzeugkonvois geht es vorbei an Schildern, die verkünden: "Stopp! Hier ist eine Grenze" und "Militärisches Sperrgebiet". Die Gruppe darf durch ein Tor auf die andere Seite des zwei Meter hohen Grenzzauns, begleitet von bewaffneten israelischen Soldaten. Denn 1997 erschoss ein jordanischer Soldat sieben israelische Schülerinnen im Alter von 13 und 14 Jahren. Ein Denkmal aus Blumen hinter Hadars Kiosk erinnert an sie.

Gleich hinter dem Grenzzaun fließen die Flüsse Jordan und Yarmuk zusammen. Die Israelis nennen das Gebiet Naharayim ("zwei Flüsse"), die Jordanier Baqura. In den 1920er Jahren errichtete der Zionist Pinachas Rutenberg hier ein Wasserkraftwerk auf einem Grundstück, das ihm Emir Abdullah, der Urgroßvater des jetzigen Königs, überlassen hatte. Die Reste des Kraftwerks, welches das nördliche Palästina und den Palast des Emirs mit Strom versorgte, sind weithin sichtbar.

Von einer Plattform, die erst vor zwei Jahren über dem Fluss errichtet wurde, hat man einen wunderbaren Blick auf die Ruinen, den Fluss, auf Palmen, Felder und zwei Fahnen. In der Mitte der Brücke über den Jordan flattert die israelische Flagge im Wind, auf einem Hügel nebenan die jordanische. Daneben steht ein imposantes Tor im arabischen Stil, Bilder der jordanischen Könige Hussein und Abdullah zieren es.

Weil die israelische Regierung ihrer Ansicht nach zu wenig aktiv war, haben sich israelische Bauern vor Kurzem direkt in einem Brief an Jordaniens König gewandt und ihn gebeten: "Zerstören Sie nicht unsere jahrzehntelange Verbindung zu unserem Agrarland. Für uns ist es ein Desaster." Antwort haben sie bisher keine erhalten.

© SZ vom 26.10.2019
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