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Israel:Israelische Soldaten fallen auf Flirt-App herein

Spion in der Tasche: Mindestens 100 israelische Soldaten wurden geködert, Apps auf ihre Telefone zu laden, mit denen sich Informationen abgreifen und Gespräche abhören lassen.

(Foto: Abbas Momani/AFP)

Die Soldaten lassen sich von leichtbekleideten Frauen ködern und laden dabei Spionagesoftware auf ihre Handys. Das Militär ist empört - und macht einen klaren Verdächtigen aus.

Freizügig gekleidete junge Damen versprechen Verabredungen, Handy-Apps zur Fußball-WM verheißen Ablenkung. Etwa hundert israelische Soldaten ließen sich dazu verführen, Glancelove, Wink Chat und Golden Cup auf ihre Mobiltelefone zu laden. Sie waren zuvor über Facebook und Whatsapp kontaktiert worden. In bestem Hebräisch und versehen mit Slangbegriffen, wie sie junge Israelis benutzen, verwickelten Mädchen mit israelisch klingenden Namen die Soldaten in Flirts und forderten sie dann auf, die Apps auf ihren Telefonen zu nutzen.

Wer den Aufforderungen Folge leistete, tappte damit in eine Honigfalle, wie so etwas im Spionagejargon genannt wird. Denn hinter den Verlockungen verbargen sich nicht etwa Informationen über die Fußballspiele in Russland oder junge Frauen oder Männer, die ein Herz für einsame Rekruten hatten - sondern es handelte sich um Spionagesoftware.

Die Fotos der Mädchen und persönliche Daten wurden von wirklich existierenden Facebook-Profilen gestohlen und neue Accounts kreiert. Aber an Verabredungen bestand kein Interesse, wie das israelische Militär im Rahmen der Operation Broken Heart (Gebrochenes Herz) herausfand. Mit Hilfe der Spionagesoftware seien Daten von den Mobiltelefonen der Militärangehörigen abgeschöpft worden. Betroffen waren demnach nur Smartphones mit dem Betriebssystem Android. Mit der Spitzelsoftware sei es möglich, in die Telefone einzudringen und von ihnen sensible Informationen abzurufen.

Dazu gehören Fotos und Videos, aber auch der Aufenthaltsort der Soldaten kann festgestellt werden. Ebenso können die Kontakte inklusive Telefonnummern und E-Mail-Adressen abgefragt werden. Außerdem könne die Kamera des Smartphones eingeschaltet werden, ohne dass der Benutzer dies merkt, ja sogar Gespräche könnten belauscht werden, hieß es bei einem Hintergrundgespräch des israelischen Militärs.

Armeeangehörige wurden misstrauisch und informierten den Militärgeheimdienst

Hinter all dem stecke die radikalislamistische Organisation Hamas, sind sich Geheimdienstmitarbeiter sicher. Warum? Darauf gaben sie keine klaren Antworten, sondern nur die Versicherung, dass die Erkenntnisse "eindeutig" seien.

Bereits im Vorjahr hat die Hamas nach Angaben der israelischen Armee versucht, über gefälschte Profile in den sozialen Medien mit israelischen Soldaten Kontakt aufzunehmen. Dieses Mal aber sei die Cyberattacke deutlich geschickter angelegt gewesen. Denn die verwendeten Facebook-Profile habe es tatsächlich gegeben, und die vermeintliche WM-App habe tatsächlich Informationen über die Spiele in Russland enthalten und "Live-Streaming in HD" versprochen. Es seien für Whatsapp israelische Telefonnummern benutzt worden, und nicht alle Stränge führten in den Gazastreifen, wo die Hamas regiert. Für die israelische Armee besonders überraschend ist, wie sehr sich die Spione auch sprachlich den jungen israelischen Soldaten, die drei Jahre Militärdienst leisten müssen, genähert habe.

Armeeangehörige, die misstrauisch geworden sind, hatten erstmals im Januar den Militärgeheimdienst informiert. Begonnen wurde mit den Attacken Ende vergangenen Jahres. Auch eine Fitness-App wurde nach Angaben der israelischen Armee dazu genutzt, um in Erfahrung zu bringen, wo Soldaten entlang der Grenze zum Gazastreifen joggen.

Schaden sei keiner entstanden, zu keinem Zeitpunkt habe die Hamas an sensible oder gar geheime Informationen gelangen können, versichert die israelische Armee. Allerdings sollen in einigen Fällen ohne das Wissen der vom Hackerangriff betroffenen Soldaten Aufnahmen an der Grenze zum Gazastreifen gemacht worden sein. Die Hamas soll auch Informationen über einzelne Militärbasen und Armeefahrzeuge bekommen haben.

Insgesamt haben 400 Menschen derartige Apps mit der Spionagesoftware heruntergeladen. Die israelische Armee ging jetzt mit den Informationen an die Öffentlichkeit, um ihre Soldaten zu warnen, aber auch die Bevölkerung.

© SZ vom 05.07.2018/lalse
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